Igor Beleš-works/transl

MAIN WORKS

Dawning in the West
(Svitanje na zapadu, Edicije Katapult, 2012), novel
When Cabbage Leaves Start to Peel (Listanje kupusa, Hena com, 2021), novel


TRANSLATIONS*

*none so far



Slobodan Šnajder-linkovi

Detailed information on Doba mjedi (The Age of Brass) can be found at the following link:
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Slobodan Šnajder-sample translation

Slobodan Šnajder: Doba mjedi, TIM press, Zagreb (2015, 2016).

Ehernes Zeitalter ist die Geschichte zweier Menschen, die ihr Leben in Zeiten der Extreme verlebt haben, sowie über ihren Nachfahren, dem es zugefallen ist, in diesem Sinne mit einem nicht gerade glücklichen Erbe zurecht zu kommen. Georg und Vera, wie die beiden im Roman heissen, hatten nämlich bis zu bestimmten Punkten ihrer Lebensläufe extrem entgegengesetzte Biographien. Sie begegnen einander so bald dies möglich geworden war, ohne tödlich zu sein, und nachdem wirklich alles auf dieser Welt gegen ihre Begegnung gerichtet war. Danach gehen sie wieder verschiedene Wege, gerade als alles für ihr Zusammenbleiben sprach.
Die Geschichte ist europäisch, weil es sie in vielfachen Versionen gegeben hat und sie über die Macht der Ideologie Zuegnis ablegt, welche Tisch und Bett zu trennen weiss, das Gestern und das Heute, auch in unserem Jahrhundert, das nicht weniger von Extremen gekennzeichnet ist. Aus mannigfaltigen Rücksichtsnahmen, aber auch aus Angst, wurde diese Geschichte selten ganz zu Ende erzählt.
Ehernes Zeitalter ist zugleich ein epischer Fluss mit vielen Zuflüssen, Seitenarmen, Anschwemmungen. Er hat es schwer, sich bis zu seiner fernen Mündung durchzuschlagen. Mancheiner weiss vielleicht, dass der Fluss Bosut aussergewöhnlich ist, weil er manchmal die Richtung zu seiner Quelle nimmt.
Diese Quellen werden im Roman in einer mythischen Zeit gesucht, als ein bunter Pfeiffer aus Hameln durch die deutschen Landen ging und die Jugend gesammelt hatte, um sie nach – Transsylvanien zu führen. Einiges näher an unsere Zeit, im Jahr 1770, kommt eine Gruppe deutscher Kolonisten nach Wolkowar, im Zuge theresianischer Reformen, und bleibt in Slawonien. Später wurden sie Volksdeutsche genannt. Die Erzählung über sie ergibt den erwiterten Rahmen für zwei individuelle Schicksale, bis zu ihrer Vertreibung als „ethnischen Deutschen“ im Jahr 1945 aus Schlesien, dem Sudetenland und aus Jugoslawien – die Geschichte reicht bis zum Auseinanderfallen auch des letzteren.
Der zentrale Teil des Romans spielt in Polen, diesem wohl furchtbarsten Schauplatz des Zweiten Weltkrieges. Das Ende des Romans gehört den Plätzen, wo in sich Ruhige wie niemals zur Ruhe Gekommenen gelangen, und von denen wir sagen, sie seien wohl tot.
(Text auf dem Buchumschlag)

 

 

 

Urvater Kempf dümpelt nach Transsilvanien

Kempfs Heimstatt auf dem Wasser ist bunt wie das Zelt vor der Kirche bei der Wallfahrt, wo verschiedene Exemplare des Menschengeschlechts sowie von anderem auf der Erde Geborenem zum Bestaunen ausgestellt werden. Hier gibt es zwar keine Frau mit Bart, kein Kalb mit zwei Köpfen und niemand preist lauthals seine wundertätige Salbe an. Hier ist aber ein Türke, ein Kaufmann, der von weit her, gar aus Hamburg kommt, wo er ein Magazin mit Teppichen sein Eigen nennt; hier ist ein Jude, ein polnischer Chassid, hier sind Lutheraner, deren Unruhe mit dem Nahen der Grenze wächst ... in einem Holzverschlag quiekt ein Ferkel. Was es auf der Welt nicht alles gibt, denkt Kempf.
Der Türke trägt eine weite Hose aus hellrotem Tuch, einen langen Kaftan, einen breiten mit Goldfäden durchwirkten Gürtel und auf dem Kopf einen Turban – weiß und violett. Der Kapitän des Floßes ist viel umhergekommen, er weiß, dass der Türke ein Sunnit und Kaufmann ist. Das erkennt man, wenn nicht an anderem, am Turban. Die grüne Farbe ist nämlich der Hohen Pforte vorbehalten, die Offiziere der Janitscharen und die Imame tragen anders geformte Turbane, usw. Die Türken achten sehr auf Farben und Formen.
Mit dem Türken reisen auch seine Diener. Sie gehen ihm ununterbrochen zur Hand, insbesondere wenn er nichts braucht; sie sind ständig auf den Beinen und achten auf jeden Wink von ihm. Manchmal muss er sie vertreiben wie lästige Fliegen. Der Türke fährt mit diesem schrecklichen Floß bis zu einem Ort, der Wolkowar heißt, dann will er sich einer Karawane anschließen. Sein Reiseziel ist Sarajevo. Er wundert sich sehr, dass Kempf nie von den Opanken aus Sarajevo gehört hat, die er ihm jetzt geradezu unter die Nase hält. Dieser Mann bedient sich einer Sprache, die man wohlwollend für einen zwar nicht existierenden deutschen Dialekt halten könnte. Schließlich hat er Lagerhallen in Hamburg, ist wohlhabend und vielgereist. Sobald sie Ulm verlassen hatten, bewirkte der Türke, dass man das Schwein am anderen Ende des Floßes unterbrachte, weil ihm dessen Gestank und Grunzen keine Ruhe gönnen würden.
Der Jude hat einen schwarzen Mantel an, an den Füßen trägt er schwarze Stiefel. Das wahre Wunder aber befindet sich auf seinem Kopf: Ein Hut – shtreimel wird er in seinem Galizien genannt – den nimmt dieser Chassid nie ab. Er muss teuer gewesen sein, denkt Kempf. Der ist mindestens aus sieben Zobelschwänzen gemacht! Davon hat Kempf in seinem Dorf gehört, denn dort tauchten nicht selten fahrende Händler auf, die alle Juden waren. Die Zobelschwänze auf dem Kopf dieses Juden kann Kempf jedoch nicht zählen, und er traut sich nicht, ihn danach zu fragen. Der Chassid sitzt auf einem Fass, düster, vollständig in seine Welt eingetaucht.
Die Schwänze zählen, wäre wie Flöhe bei ihm zählen. Nicht schön.
Die Stirn des Kapitäns ist von tiefen Furchen durchzogen, seine Nase groß. Man sagt, das deutet auf Lepra hin. Aber da die Leprakranken eine Speerlänge Abstand von den Gesunden halten müssen, hätte ihm in diesem Falle niemand das Floß anvertraut. Einmal wagt Kempf es, einen Burschen von der Besatzung nach diesen Furchen zu fragen, und erwähnt dabei auch die große Nase des Kapitäns. Die Antwort lautete, der Kapitän sei schon so zerknautscht auf die Welt gekommen, seine Stirn ähnele dem Taschentuch eines verlassenen Mädchens, und seine große Nase komme vom Saufen. Der Kapitän behandelt seine Leute von oben herab, sehr grob, und dass er die Reisenden nicht verprügelt, ist auch alles. Die Besatzung ist für die großen Riemen zuständig, die als eine Art Steuer dienen. Das Floß ist dem großen Strom überlassen, der zeitweise mit ihm wie mit einem Spielzeug umgeht. Die Riemen, von denen der eine vom Dach des Holzhäuschens in der Mitte des Floßes bedient wird, stellen die einzige Möglichkeit dar, einem todbringenden Strudel oder einem anderen Unglück, etwa dem Aufprall auf ein Riff, zu entgehen. Das Floß – große mit dicken Seilen verschnürte Stämme – schwimmt der Gnade des Stroms anvertraut der fernen Mündung entgegen. Gelegentlich sieht man Pferde Flöße flussaufwärts schleppen, was die Reisenden peinlich berührt. Die meisten bedauern das Leiden der unschuldigen Tiere. Der Kapitän meint, jeder lebe sein Schicksal. „Aber auch sie sind Geschöpfe Gottes“, murmeln einige, „es ist nicht schön, die Tiere so zu quälen.“
In einem Augenblick erfasst Kempf aufgrund der Hektik der Besatzung und der plötzlich ernstgewordenen Miene des Kapitäns, dass eine Gefahr droht.
Der Albtraum aller, die im 18. Jahrhundert von Ulm aus die Donau stromabwärts fuhren, hieß die Düppsteiner Klippen – zu jener Zeit zwei Reisetage von dem Städtchen Engelhartzelle entfernt; diesen Namen sprachen die Donauflößer nur flüsternd aus. Nichtsdestotrotz fuhr man, weil man fahren musste.
Eine Quelle besagt: „Die Riemen wurden eingezogen, die Besatzung forderte die Reisenden auf, ein jeder solle in seiner Sprache das Vaterunser oder etwas Ähnliches beten.“
An der erwähnten Stelle zieht nämlich ein entsetzlicher Strudel die Reisenden unter Wasser zu einem Schloss, in dem der Donau-Zar thront, und wo graue Riffe das Floß bedrohen. Auf dem Grund des Stroms prangt ein Glaspalast, in dessen Mitte eine lange Tafel steht, an der der Zar in Gestalt eines riesigen Welses mit seinen Untertanen sitzt, während große funkelnde Fische mit ihren schimmernden Schuppen das Festmahl beleuchten; auf dem Tisch sind Einmachgläser aufgereiht, gleich solchen, in denen man eingekochtes Obst aufbewahrt; darin stecken die Seelen der Ertrunkenen. Einige Gläser sind noch leer, in Wartestellung; die vollen liebkost der Wels-Zar mit seinem großen Schnurrbart.
Der Türke rollt sofort seinen Gebetsteppich aus und beginnt zu beten; der Jude schickt seinem Gott eine dringende Nachricht; die Christen sagen laut das Paternoster auf.
Jahve Gott Allah
werden angerufen, und jedem von ihnen beteuern die innigen Bittsteller, er sei
DER EINZIGE
Nur der Gott der Christen wird noch durch drei geteilt.
Mit dem Herannahen an den Strudel schwindet aller Mut, die Kraft reicht nur noch zum Flüstern ...
Allahu akbar ... Allmächtiger ... Einziger Vater ... Allahu akbar ... Größter ... Allmächtiger ... Vater unser, der du bist ...
Wie mit Gold- oder Silberfäden auf Tuch gestickt schreibt das hin und hergeworfene Babylon auf dem dunklen, beinahe schwarzen Wasser seine Botschaften in einer Mischung aus Arabisch, Süddeutsch, Hebräisch, Polnisch ... Das Floß schrumpft plötzlich, wirkt wie ein hilfloser, von einer fürchterlichen Macht umhergeschleuderter Holzspan. So winzig, dreht es sich jetzt im Strudel als Kirche unter dem Zeichen des Kreuzes, als Synagoge, als Moschee.
Dieses babylonische Durcheinander stört wohl nicht den Einzigen. Diese Menschen da bauen keinen Babylonischen Turm, um den Einzigen an seinen Fußsohlen zu kitzeln, sie werden vielmehr am Ende der Fahrt, wo immer das auch sein mag, auseinanderstieben wie die Samen einer Pusteblume. Außerdem sprechen die Reisenden nicht miteinander, sondern direkt zu Gott in der Höhe. Warum sollte er also ihre Sprachen durcheinanderbringen?
Gott wird sie genauso erhören wie den Kapitän und seine Leute; sie beten nicht mehr, sie klammern sich jetzt an Holzstücke, Fässer, Truhen; denen und nicht dem Gottvater vertrauen sie, wenn der Strudel das Floß zu verschlingen oder die Strömung es gegen eine Klippe zu schleudern droht. Sie wissen gut, dass ihre Aussichten halbe-halbe stehen. Die Reisenden alle gehören Völkern des Buchs an. Es sind drei Völker, die Bücher sind drei und dennoch nur eins: Das Buch! Für sie geschieht das jetzt alles zum ersten Mal.
Jeder auf dem Floß denkt zerknirscht an das Äußerste: an die ersten und die letzten Dinge. Selbst die besser Gekleideten verhalten sich wie Büßer im ziegenhärenen Hemd. Die Reisenden, von der Besatzung ganz zu schweigen, sind über die Gefahren unterrichtet. Die Agenten in Ulm versuchten sie zwar zu beruhigen, alle wissen jedoch, dass jedes zweite Floß untergeht, und dass man von vielen Reisenden auf dieser Strecke nie mehr etwas gehört hat. Auch dieses Floß, das Floß des Urvaters Kempf, befindet sich jetzt in Gottes Hand. Ihre Aussichten stehen halbe-halbe.
Die Reisenden halten sich an der Reling fest, wenn man ein paar in die Stämme gerammte Stöcke als solche betrachten kann, und versuchen abzuschätzen, wie viele Sekunden ihnen bis zum endgültigen Schlag bleiben, bis zu dem Augenblick, in dem das Floß sich noch einmal über dem Schlund des wildesten Strudels um die eigene Achse dreht und vielleicht an einem Riff zerschellt. Jeder betet den Vater im Himmel an, so wie er es gelernt hat, der Chassid mit dem langen Bart singt Psalmen, der Moslem verneigt sich pausenlos über seinem Gebetsteppich ...
Das Floß kam durch.
Das Floß kam durch, denn wäre es zerschellt, wäre ich nicht geboren und dieses Buch gäbe es nicht, was vielleicht auch kein großer Schaden wäre.
Es ist ungewiss, welches Gebet geholfen hat. Möglicherweise gefiel es Gott, dass es so viele waren. Oder war der Wasserstand der Donau nach der Schneeschmelze im Frühling hoch genug? Vielleicht war er sogar niedrig, und der Strudel nicht so wild? Ich glaube jedenfalls nicht daran, dass Gott in der Höhe an meiner Geburt besonders interessiert war, er ist ja der Vater von so vielen.
Die Düppsteiner Klippen hatten in der Tat schon manche Hoffnung absaufen lassen. Gelegentlich fand Gott wohl unter den angebotenen Sprachen nicht die, die er ohne Wörterbuch verstehen konnte. Vielleicht hatte er manchmal auch einfach keinen guten Tag. Obwohl Gott polyglott ist, hatte er sich seinerzeit fürchterlich wegen Babylon aufgeregt; dicke Wörterbücher mag ja niemand. Schließlich war auch der Kapitän das Risiko eingegangen, dass sich ein Sünder auf das Floß geschlichen hatte, der in den Augen Gottes nicht gerettet werden durfte. Dabei schloss er sich selbst, einen Mörder und Beutelabschneider, aus. Der Kapitän war doch zugleich Unternehmer, der Herr des Floßes, nun beförderte er eine bunte Gruppe vorwiegend armer Leute, Kolonisten der Kaiserin, die ihr ganzes Hab und Gut verkauft hatten, um überhaupt mitfahren, um es überhaupt riskieren zu dürfen. Mit sich führten sie, was übrig geblieben war und man mitnehmen konnte. Zum Beispiel dieser Kempf, ein Jüngling, der jahrelang in eine Lehre gegangen war, suchte jetzt jemanden, dem er sein Können verkaufen könnte, dabei hatte er nichts fertig gelernt. Auf Flößen reisten damals auch Soldaten, Söldner, Säufer, die ebenfalls jemandem ihr Handwerk anboten oder davon zurückkehrten, häufig mit Wunden übersäht, auf denen sich Schwärme von Fliegen versammelten. Man konnte sich auch Frauen vorstellen, die für das Floß kein großes Gewicht bedeuteten, wurden sie doch ohnehin für leicht gehalten. Zu einer solchen Klientel könnte man auch einen Prediger hinzuzählen, der beschlossen hatte, seine kleine Gemeinde auf der Reise zu begleiten. Auf dem Floß des Urvaters Kempf gab es allerdings keine Frauen, was sich bald als ein Problem herausstellen sollte. Auch die Priester kamen erst später.
Die Beamten der Monarchie, die damals noch keine doppelte war, reisten auf eine andere, weniger riskante Art. Das Jahr 1770, in dem wir die dramatische, aber wie es sich herausstellte geglückte Floßfahrt auf der Donau bei den Düppsteiner Klippen verfolgen, war das Jahr, in dem James Watt gerade seine Dampfmaschine vorgestellte: Dies war der Anfang der industriellen Revolution, die sich in England und nicht in Deutschland abspielen sollte. Die Lokomotive war jedoch noch nicht in Sicht, daher reiste man in Europa mit Pferdekräften. Die Beamten, die oberen Schichten, der Adel, egal in welcher Sprache sie das Vaterunser beteten, benutzten kein Donaufloß. Der lutherische Adel reiste nicht in die Gebiete unter dem Rock der mächtigen Kaiserin. Der habsburgische und katholische Adel verspürte kein Bedürfnis nach Reisen, es sei denn im Krieg. Auch hätte im 18. Jahrhundert kein wohlhabender Reisender einen Zusammenstoß mit den Düppsteiner Klippen riskiert.
Der Kapitän hatte es also mit Menschen zu tun, die von einer Armut in die andere flohen, aber doch mit der Hoffnung auf Rettung. Sie kamen meist aus süddeutschen Gegenden oder aus dem Schwabenland. Die Letzteren schienen in der Mehrzahl zu sein, denn die Alteingesessenen nannten später alle Kolonisten Švaben.
Das erwähnte Jahr 1769 war in Deutschland also ein „Hungerjahr“. Möglicherweise gab es kein Massensterben wie in demselben Jahr in Bengalen: zehn Millionen Tote. Die größte Naturkatastrophe aller Zeiten. Gerade um nicht zu sterben, musste man aus Deutschland fliehen. Die Richtung des Hungers war genau der entgegengesetzt, die in den 1960-er Jahren Hunderttausende einschlugen, die aus Not nach Deutschland gingen und oft aus den Gebieten kamen, die im 18. Jahrhundert im Rahmen der theresianischen Reformen deutsche Bauern und Handwerker besiedelt hatten.
Als die Gefahr hinter ihnen lag, war alles wieder wie zuvor. Für den Kapitän war es wichtig, ein möglichst großes Netz von Sprachen auszuwerfen, um Gottes Gnade einzufangen. Er hielt es für einen Vorzug, dass die Klientel des Floßes so unterschiedlich war. Hätte es auch noch einen chinesischen Kaufmann gegeben, hätte er das für ein gutes Zeichen gehalten, gleich ob er ein Buddhist war oder ein Anhänger dessen, was er selbst Tao nannte. Den Kapitän störte nicht, dass sich der Chassid in seinem Jahr befand: 1770 war für die Juden ein zwischen 5530 und 5531 angesiedeltes Jahr. So zählte und verbuchte also jeder das Eigene, Chöre von Rosenkränzen erklangen gen Himmel, die Klippen kamen immer näher, der grüne Strudel wurde immer wütender und mächtiger. Die Fische, die Donaujungfern und der Wels-Zar in seinem Unterwasserpalast warteten. Oben herrschte fraglos die Kaiserin; unten, am Eingang zum unterirdischen Reich hatten andere und andersartige Zöllner das Sagen. Die verlockenden und unwiderstehlichen Donaujungfern auch nur zu erwähnen, war bereits gefährlich.
Aber all das war jetzt vorbei und gehörte bereits der Vergangenheit an. Der Kapitän war wieder düster und unnahbar. Kempf hatte ihn einmal gefragt, wo eigentlich dieses Transsilvanien liege, aber der wies ihn so schroff ab, als mache er sich neben allem anderen auch noch über ihn lustig. Denn, welcher vernünftige Mensch macht sich auf eine so große Reise, ohne zu wissen, wohin?
Die Antwort: Sehr viele. Sogar heutzutage.
Kempf fand nicht den Mut, weitere Fragen zu stellen.

 

 

 

 

Was mitnehmen in den Krieg?

„Du brauchst nichts“, sagt Vater, der frisch rasiert sein Vergrößerungsglas über die Zeitungsseiten gleiten lässt. „Dort bekommst du alles. Packe nur dein Rasiermesser und ein Fläschchen Kölnisch Wasser ein. Wir wollen hoffen, dass es nicht mehr lange dauert.“
Anfangs war der alte Kempf stolz, wenn sein Sohn sich betrank. Aber als man Georg immer öfter steif wie einen Stock nach Hause brachte, war ihm das nicht mehr recht: „Alle wissen, was die deutsche Fastnacht ist. Hier wissen alle, dass auch wir Švaben unsere Feste haben. Und wenn wir unsere Feste haben, bleiben die anderen zu Hause und linsen hinter den Gardinen auf die Straße. Bei dir ist aber ständig Fastnacht. Ein Deutscher tut das nicht.
Das Letztere wurde neuerdings zu einer Art geflügeltem Wort: Ein Deutscher tut dies nicht, ein Deutscher tut jenes nicht, wir Deutsche hingegen …
Dieses „wir Deutsche“ war etwas Neues. Georg konnte sich nicht erinnern, dass in seinem Elternhaus, bevor der Führer die Macht erklommen hatte, jemand so etwas wie „wir Deutsche“ gesagt hatte. Und nicht einmal etwas wie „wir“. Und wenn überhaupt, dann bezog sich dieses „wir“ auf die weitere Familie Kempf. Die Familiensaga bewahrte die Erinnerung an das Jahr 1770. Das Jahr davor war in Deutschland ein Hungerjahr, damals hatten sich viele Deutsche von dem deutschen „wir“ gelöst und waren unter dem Schutz der Kaiserin die Donau abwärts gefahren in den Süden des Kaiserreichs … Zusammen mit Pfannen, Töpfen, Decken (und kaum etwas mehr) brachten sie aus Süddeutschland auch ihr Blut mit. Aber auch das Blut hatte jetzt einen völlig neuen Klang bekommen, einen viel kräftigeren und feierlicheren. Der Kempf-Sohn hörte auch früher gelegentlich stolze Väter und Mütter sagen: „Der ist mein Blut!“, aber niemand von ihnen betonte das Wort „Blut“ so selbstbewusst und so stark wie der alte Adalbert Grumm, den man „unseren Gauleiter“ nannte, und der bei den Versammlungen der „deutschen Volksgemeinschaft“ tönte, das „deutsche Blut“ sei kostbar, aber sein Vergießen, wenn der Führer es auf die Tagesordnung der Geschichte setzt, auf jeden Fall ehrenhaft. Als gebe es von diesem Blut unendlich große Vorräte.
Neu war auch, dass die Blutsgemeinschaft plötzlich sehr viel mehr umfasste als die Familie Kempf. Đuka versuchte sich zu erinnern, wann das geschehen war, aber in den 30er Jahren war er in einem Alter, in dem ihn ganz andere Dinge interessierten und begeisterten. Erst später begriff er, dass die deutschen Kinder, mit denen er befreundet war, nicht zu diesem neuen, wuchernden "wir“ gehörten. Und sozusagen erst gestern wurde ihm klar, dass es unter denen, die mit ihm Fußball spielten, auch Kinder von Juden gab. Wer aus welchem Ei geschlüpft war, interessierte keinen, das einzige, was zählte, war ein guter Schuss, mit links oder mit rechts.
Der deutsche Soldat ist ein ordentlicher Soldat, stellte der alte Kempf beim Abschied fest. Aber er sagte das sehr undeutsch, lax, offenbar meinte er nur, ein Vater müsse seinem Sohn, der an die Front geht, etwas in diesem Sinne mit auf den Weg geben. „Du brauchst nichts, du bekommst alles von der Armee.
Der Sohn hatte seinen Vater unterschätzt. Der alte Kempf konnte zwischen den Zeilen lesen. Er war von selbst dahinter gekommen, dass die deutsche Kriegsmaschinerie stecken geblieben war, mit anderen Worten, dass Hitler mit der Katastrophe von Stalingrad seine berühmte strategische Initiative abhandengekommen war. Außerdem konnte er einige der jetzt so vorlauten hiesigen Deutschen nicht leiden, denn er wusste zu viel über sie. Hier lebte man in einer kleinen Welt, wo man alles über jeden wusste. Den Alten ärgerte vor allem, dass es ihm nicht gelungen war, seinen Sohn freizukaufen.
Er ließ sich von alledem nichts anmerken. Darin war der alte Kempf ein echter Deutscher: Er konnte schlucken und seine Gefühle verbergen.
Der frisch Rekrutierte blieb eine Weile allein mit seiner Mutter, die sich mit einem Zipfel ihrer Schürze die Tränen wegwischte. Jetzt, nachdem ihr Mann auf das übliche Gläschen ins Gasthaus gegangen war, durften sie ruhig fließen.
Vater hatte ihm einen Rucksack gegeben, den er aus dem Krieg mitgebracht hatte. Aus dem Krieg? Damals hieß er noch nicht der Erste. Erst als sich dieser gegenwärtige zum Weltkrieg entwickelte, wurde aus dem Krieg von 1914 der Erste Weltkrieg. In diesen Rucksack packte Kempf jetzt sein Rasierzeug, Wollstrümpfe …
Hatte er da schon mit der Ostfront und dem schrecklichen russischen Winter gerechnet? Man ging zwar dem Sommer entgegen, aber in das Gedächtnis seiner Mutter hatten sich Bilder aus den Zeitungen eingeprägt: Soldaten mit offensichtlich gestelltem Lächeln, die jedoch nicht zu verbergen vermochten, dass sie froren, weil sie nicht auf den russischen Winter vorbereitet waren.
In den Rucksack packte er dann ein Heftchen mit eigenen Gedichten. Nur wenige Auserwählte durften in seine Arkana schauen … Praktisch nur zwei Menschen.
Franja, der im Moment verschwunden war, und Sofija, die wer weiß wo steckte.
In Büchern und Papieren wühlend, entdeckte der Kempf-Sohn seinen Schulatlas und öffnete ihn auf dem Tisch: Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Polen, noch ganz, bevor es von den Sowjets und den Nazis zerstückelt wurde. Österreich, noch selbständig. Die Welt von gestern. Grenzen sind etwas Willkürliches, dachte er. Heute ist eine Grenze hier, morgen liegt sie 200 Kilometer weiter im Norden oder im Süden. Ganze Staaten ziehen um, Preußen zum Beispiel wohl zum siebten Mal. Und nun findet man es wieder ganz woanders, stärker denn je. Polen scheint sich ständig zu verändern, mal ist es größer, mal kleiner, und von Blut triefend, aber jetzt ist es polnisches Blut … Und wo sind „wir“ darin? Was zu alledem sagt das polnische „Wir“? Jetzt, wo es kein Polen mehr gibt?
Kempf griff zu einem kleinen Experiment: In Gedanken löschte er alle Grenzen aus, die von gestern und die von heute … Was blieb? Eine große Fläche, in deren Mitte Europa und Asien aufeinanderprallten.
Die Fläche war so groß, dass im Vergleich zu ihr sogar das gegenwärtig expandierende Reich klein erschien. Dieser Raum hatte das von Napoleon zusammengetrommelte Heer einfach verschluckt, verdaut und die Reste samt allen menschlichen Säften bei Paris ausgespuckt!
Ehrlich gesagt, er wusste nicht, was er in den Krieg mitnehmen sollte.

Und plötzlich Trommeln! Und Gesang aus vielen Kehlen, der fest und männlich klingen sollte, in dem aber Kinderstimmen überwogen.
Đuka lugte durch den Vorhang. „Deutsche Fastnacht!“, sagte er zu sich und zog sich in das Innere des Zimmers zurück.
Schon bei dem flüchtigen Blick erkannte er den Mann, der an der Spitze für sein Alter unerwartet forsch marschierte. Der alte Grumm, der „Gauleiter“. Ihm folgten zwanzig oder etwas mehr Jungen zwischen noch zartem Alter und dem ersten Flaum und den ersten Pickeln; gleich hinter ihm schritt ein etwas älterer Jüngling, der mit aller Kraft eine Trommel schlug, so groß, dass sie ihn am Gehen hinderte … alle waren noch in kurzen Hosen, trugen aber ein Abzeichen oder wenigstens eine Andeutung von Uniform. Ein Heer im Werden, dachte Kempf.
Aus den Höfen der Häuser, die wie in allen slawonischen Ortschaften entlang der Straße aufgereiht waren, kamen Jungen heraus und liefen hinter der Kolonne her, bemüht, sich deren Rhythmus anzupassen … die meisten stimmten sofort in das Lied ein, während der alte Grumm, der einzige echte Nazi, den Georg persönlich kannte, den Takt angab. Đuka schien, dass auch einige Dorfköter versuchten, ihre vier Beine dem Takt anzupassen … Katzen waren da schon vorsichtiger. In einem Stall muhte traurig eine Kuh.
Man hat sie nicht gemolken, dachte Georg, wahrscheinlich tut ihr das Euter höllisch weh. Und nicht gemolken wurde sie, weil der junge Kerl, der dafür verantwortlich war, sich dem Zug angeschlossen hatte …
Und wo will er hin, dieser Zug? Die werden immer mehr! Kempf hätte nie gedacht, dass es in den Höfen so viele Kinder gab. Wo sind die Mädchen? Da, sie bilden Spalier, winken mit Taschentüchern ... Der Nazi Grumm schreitet immer energischer, dreht sich von Zeit zu Zeit um, als zähle er etwas in Gedanken, wirkt zufrieden. Wahrscheinlich wird er für das Ergebnis seiner Agitation belohnt.
Alle folgen ihm. Wohin denn zum Teufel? Nach Transsilvanien? Nach Russland? In die Walachei? Dorthin, wohin der Flötenspieler alle Jugendlichen gelockt hatte. Aus seiner Flöte erklang Musik. Jetzt ist nur noch der Rhythmus geblieben. Die Nazis lieben die Trommeln. Und eventuell das Feuer. Die Morgenzeitung berichtete von der „seltsamen Liebe der Nationalsozialisten zum Feuer“. Fackelzüge sind auch hier häufig.
Zunächst ängstliches, dann immer kräftigeres Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken.
Mutter wollte öffnen, aber Georg hielt sie zurück und schaute durch den Vorhang: Vor der Tür stand ein ihm unbekannter Junge in kurzer Hose und einem weißen Hemd, weiß wohl deshalb, damit seine Armbinde mit dem Hakenkreuz besser zur Geltung kam.
Kempf machte die Tür auf.
„Herr Kempf, auf dem Platz ist eine Volksversammlung angeordnet worden.“
„Wer hat die angeordnet?“
Der Junge wurde verlegen. Offensichtlich war ihm unverständlich, dass Herr Kempf das nicht wusste.
„Ich kann nicht, sagte Đuka. Ich bin krank.“
Der Junge sah ihn groß an. Der Mann an der Tür sah gar nicht krank aus.
Đuka begann aufzuzählen:
„Neuralgische Schmerzen im Bereich des Musculus peroneus. Achillessehnenreflex ein wenig schwach. Äußere Hämorrhoiden hängen bis zum Boden.“
Der Junge schien sich verabschieden zu wollen, da die Kolonne schon in die Straße einbog, die bei der Dreifaltigkeit scharf nach rechts führte.
Als Kempf die Enttäuschung im Gesicht des Jungen bemerkte, beschloss er, ihn nicht länger im Dunklen zu lassen.
„Ich bin mobilisiert worden. SS.“
Erst jetzt sah der Jüngling ihn vom Kopf bis Fuß an, als wolle er seine Größe ermitteln.
„Stalingrad!“
Daraufhin hob der Junge voller Bewunderung seinen Arm zum Hitlergruß und beeilte sich dann, seine Gruppe einzuholen, den „Gauleiter“, zu dem immer noch Knaben aus vielen Häusern strömten.
Hier, in Slawonien gibt es keine Berge, die die Jugendlichen auf dem Weg nach Transsilvanien verschlucken können, dachte Kempf. Woanders aber doch!

 

(Aus dem Kroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann)
Das Buch erscheint voraussichtlich 2019 bei Zsolnay Verlag


 



Boris Škifić

Boris Škifić (island of Zverince, 1957) graduated from the Faculty of Philosophy in Zadar. He has published two story collection Adios amigos (2013) and Butterfly Flight (2008), and three novels, The Story of Four Cypresses (2003), Letters from the Hospital (2022) and Stone, Flower, Amen (2023).

He lives in Split, Croatia.


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