Ivica Ivanišević-works/transl

MAIN WORKS

Smoje – a biography (Smoje – biografija, Vuković & Runjić, 2004), biography
Caramba y Carambita (Sto mu jelenskih rogova!, V.B.Z., 2004) essays on comic books
The Umbrella Association and the Other Play (Krovna udruga i druga drama, Fraktura, 2005), play, coauthored with Ante Tomić
Split for Beginners – Alphabet of the City (Split za početnike – abeceda grada, Znanje, 2015), co-authored with Renato Baretić
The Entrance for Children and Soldiers (Ulaz za djecu i vojnike, Hena com, 2015), short stories
The Saddle is too Small for Two (U sedlu je tijesno za dvoje, Hena com, 2015), novel
The Discharge Letter (Otpusno pismo, Hena com 2016), epistolary novel, coauthored with Marina Vujčić
Primavera (Primavera, Hena com, 2016), novel
The Book of Complaints (Knjiga žalbe, V.B.Z., 2016), novel
I'm Kneeling Down (Klanjam se, Hena com, 2017), novel
Kuća (The House, V.B.Z., 2019), novel
It’s a new lunch tomorrow (Sutra je novi ručak, V.B.Z., 2020), novel
17 Ferdo Pomykalo Street (Ulica Ferde Pomykala 17, V.B.Z., 2021), novel
 

TRANSLATIONS*

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Vladimir Stojsavljević-sample translation

Vladimir Stojsavljevic´ 13
Leben ohne Namen
Vladimir StojsavljeviÊ
Leben ohne Namen
Roman
3.
Vater hatte für Weihnachten eine Krippe gebaut. Er war handwerklich
geschickt. Für seine verstorbene Frau hatte er oft
Engel gebastelt, mit denen sie sich unterhielt. Er hatte sie nie
gefragt, ob dieser Engel so aussah, wie sie ihn sah, er hatte ihr
stillschweigend eine unförmige Figur mit besonders schön gearbeiteten
Flügeln gebracht. Flügel waren wichtig, damit sie ihr
auf die Schultern landen konnten. Oder auf die Buntnesselblätter
im Fenster. Er hielt sich immer bei einem Detail auf, das
er vollständig ausarbeitete. So war es auch bei dieser Darstellung
der Geburt des Sohnes Gottes. Der Knabe war genau ausgearbeitet,
dafür waren bei manchen Schäferfiguren das Gesicht,
die Kleidung oder die Hände unfertig. Er nahm die etwas plumpen
hübsch bemalten Holzfiguren aus der Schuhschachtel
heraus. Diese Figuren standen neben der Krippe, wo er die kleine
Jesusfigur aufgestellt hatte. Über all diese Figuren legte er einen
blauen Sternenhimmel aus glänzendem festem Papier. Als Dach.
Es wirkte geradezu wie eine reale friedliche Welt in einer unruhigen
Welt ihrer Wirklichkeit. Er wollte seinen Kindern eine
Freude machen. Besonders seiner ältesten Tochter. Maria nahm
die Eselsfigur und tupfte ihr mitten auf den Schwanz einen
weißen Punkt. Ihr Vater betrachtete verwundert ihren Streich,
also gab sie es auf, die Schafsfiguren wegzuräumen und fragte
ihn, warum es keine Ziegen gab. Der Vater entgegnete mit einer
Frage, auf die sie nicht antworten wollte. Sie war überzeugt,
dass die Geschichte, die sie lernte, nicht für Männer war. Gerade
als er dachte, dass er ihr keine Freude bereitet hatte, küsste sie
ihn geräuschvoll.
Sie hatten schwere Monate hinter sich. Im Juni konnte man
noch nicht ahnen, in was sich kindliche Neugier verwandeln
konnte. Am dritten Tag nach Marias und Varjas ersten Erscheinung
versammelten sich die Kinder zu derselben Zeit und
stiegen wieder den Berg hinauf. Einige Dorfbewohner folgten
ihnen, ältere Frauen hatten Varja beauftragt, heiliges Wasser
aus der Kirche mitzunehmen und die Frauengestalt damit zu
besprengen, um sicherzugehen, dass sie keine böse Macht war.
Als sie sie ungeschickt besprengte, lächelte die Erscheinung und
alle wussten die Botschaft von diesem Gesicht zu lesen Σ ja, ich
bin es, die Heilige Jungfrau. Sie standen wieder im Kreis um sie
herum, hingerissen, sich selbst anders und bedeutender, noch
immer etwas verängstigt. Das, was die Muttergottes ihren neuen
Freunden laut sagte Σ Friede, Friede und nur Friede, schien keinem
von ihnen eine Botschaft zu sein, die man den Erwachsenen
übermitteln konnte. Besonders weil im Ort das Gerücht ging,
dass sie Drogen nahmen, verantwortungslose Lügner und Ungläubige
seien. Dennoch sagte Maria ihrem Vater, der unaufhörlich
den Krieg ankündigte, rebellisch Σ das wird nicht
passieren!
Am vierten und fünften Tag erlaubten die Kinder nicht, dass
man sie begleitete. Die unangenehmen Verleumdungen wurden
zum Hauptthema beim Mittagessen der Familien der Seherinnen,
und man konnte sich auch nicht mehr unbemerkt auf den
Dorfwegen bewegen. Den Entschluss, die Begegnungen mit der
Erscheinung für sich zu behalten, hielten sie nicht durch. Am
sechsten Tag folgte ihnen eine große Zahl und starrte in ihre
unschuldigen Gesichter und versuchte darin die Ereignisse zu
ergründen. Maria war schlecht, denn vor so vielen Zeugen
schien es ihr egoistisch, nach ihrer Mutter zu fragen. Und Varja
und die anderen taten wichtig und lehnten es ab, auf die Fragen
der versammelten Nachbarn, Anrainern aus den umliegenden
Dörfern zu antworten. Als sie am siebten Tag hinaufstiegen,
trat die Staatsgewalt in Erscheinung, mehrere Polizisten. In
Varja brodelte es, sie ergriff Janjas Hand, alle schlossen sich
ihnen an, und die Kinder tanzten einen stummen Reigen auf
dem Steinacker und spärlichen Gras. Dieses Mal blitzte es kräftig
im Reigen auf, um den sie tanzten. Etwas ist hier merkwürdig,
murmelte der Polizist und hielt die anderen auf, die die
Kinder vom Hügel vertreiben wollten. Doch am Abend begann
das Unglück. Auf einmal hatte sich eine Wache organisiert. Es
war verboten, sich dem Hügel zu nähern, geschweige denn, auf
ihn zu klettern. Der für die Kinder vollkommen unverständliche
aber feste und zielgerichtete Druck der Staatsgewalt wurde in
den folgenden Tagen nur noch größer. Am achten Tag versuchten
sie nicht einmal mehr, auf den Podbrdo zu klettern. Bald
gingen sie heimlich zu der Begegnung, die ihnen Freude machte.
So verbrachten sie den Sommer, erwarteten den Herbst, und
auch heute, an Heiligabend, sind die Einwohner von BijakoviÊ
nicht ohne Bewachung und polizeiliche Aufsicht.
Marias Geschwister hatten nicht nur die Mutter verloren,
sondern Vertreter der Ordnungshüter trieben sich tagelang in
ihrem Haus herum. Sie schleppten sie zu diversen Befragungen
auf die Polizeiwache. Der Höhepunkt an Unannehmlichkeit war
neulich die Ankunft der jungen Ärztin aus Sarajevo. Eine
blonde Muslime mit mehreren Diplomen, erzählte man sich,
eins davon international. Der Vater ließ nicht zu, dass die Ärztin
Maria mit Fragen bedrängte. Sie sahen sich misstrauisch an,
aber die junge Wissenschaftlerin gab nicht nach. Jeden Morgen
kam sie zu derselben Zeit an ihre Tür. Er wollte, dass all das
Unglück, das durch die Erscheinung verursacht wurde, die Maria
auf dem Podbrdo hatte, endlich aufhörte. In den letzten
Monaten hatten sich alle ihm verhassten Menschen in BijakoviÊ
versammelt. Zuerst kam ein Kriminalinspektor mit unschuldigem
Gesicht zu einem doppelten Schnaps und kurzen
Gespräch. Es war weder unangenehm noch drohte der Mann,
doch nach ihm kamen ungebildete Polizisten, die drohten und
schimpften. Immer häufiger drängten Vollstrecker von Anweisungen,
die es in Wirklichkeit noch gar nicht gab, und mit ihnen
auch Menschen, die die Seherin Maria berühren wollten, in den
goldenen Frieden des Sommers und die Familie. Niemand im
Ort war bereit zu sagen, wer die Nachricht von der Erscheinung
verbreitet hatte. Ein Foto der Kinder tauchte in den Zeitungen
auf. Auf diesem Foto versuchte Maria erfolglos, mit der Hand
ihr Gesicht zu verstecken. Sie kamen auch ins Fernsehen. Auf
den Bildern wirkten sie mangelernährt und besorgt. Das Interesse
unter den Menschen, das von Tag zu Tag gestiegen war wie
Fastnachtsteig, forderte die Staatsgewalt heraus und verursachte
Maßnahmen, die noch nicht einmal diejenigen, die sie ausführten,
ganz ernstnahmen. Bei einer Gelegenheit meinte ein Dorfbewohner
zum Vater, dass es leicht sei, eine Tochter zu
verheiraten, die mit der Muttergottes spreche. Spott erlitten
auch die anderen Eltern und deren Kinder. Die Kirche hielt sich
bedeckt, obwohl das Gerücht ging, dass der Dorfpfarrer festgenommen
worden war. Die Wahrheit war, dass die Kinder mit
ihren Erscheinungen nicht geprahlt hatten, doch sie wussten
sich auch nicht gegen die Zyniker, Verrückten und emsigen
Vertreter des Staates zu wehren. Was am Schlimmsten war, und
das traf den Vater am härtesten, der Dorfpfarrer selbst hielt die
Kinder nach der Messe auf und stellte ihnen Fragen, er zweifelte
an den Erscheinungen. Was hatte der Dorfpfarrer an die Existenz
der Muttergottes zu zweifeln? In was für einer Welt lebte er
denn!? Darum bemühte er sich eine Krippe zu bauen und den
Feiertag mit der Familie zu feiern, wie man es in seinem Ort
immer getan hatte. Und was seine verstorbene Frau gewollt
hätte.
“Wann kommt Varja?“
“Sie kommt nicht.“
“Was ist, warum kommt sie nicht, habt ihr euch gestritten?“
“Nein.“
“Ist sie krank?“
“Nein. Sie kommt nicht. Wir sind keine Freundinnen mehr.“
“Aber eine Freundschaft ist doch kein Zug, in den man einund
aussteigen kann.“
“Nein.“
“Los, zieh dich an und hol sie. Kind, es ist Weihnachten.“
“Wir können auch Varja abholen!“ schrieen der Bruder und
die Schwester.
“Papa, ich hab doch gesagt, wir sind keine Freundinnen mehr
und zwing mich nicht zu sagen, warum.“
Vor kurzem hatte Maria die Freundin zu sich eingeladen,
um zusammen mit ihr die neue Schallplatte anzuhören, die mit
der Post gekommen war. Wenn Post kam, die eine Schallplatte
erahnen ließ, wussten alle, dass es für Maria und Varja war, im
Ort verbreitete sich schnell die Nachricht, dass wieder etwas
aus der Stadt in die Hände der unruhigen Mädchen gelangt ist.
Ihre armen Mütter, kommentierte man oft in der Nachbarschaft.
Maria hatte von den Vorhaltungen mehr als genug gehört. Sie
hasste sie und fasste sie manchmal als Drohung auf. Trotzdem
schaltete sie feierlich das Grammophon ein, während Varja sich
das Cover ansah. Die neue Gruppe Azra, Wahnsinn! Die beiden
hörten oft Schallplatten, denn das verband sie mit dem Leben,
das sie sich als besonders modern vorstellten. Ein Leben auf dem
Asphalt. Und ein Leben, das sie einmal führen würden. Eines
Tages würden sie dorthin fahren, in eine große Stadt, also
mussten sie Bescheid wissen. Sie merkten sich die Texte der
Lieder und sangen manchmal mit. Die anderen im Haus ignorierten
ihre musikalischen Seancen. Der Vater sagte einmal,
dass es vernünftiger wäre, wenn ihre Mutter ihnen das Kochen
beibrachte, was sie brauchen würden, wenn sie heirateten. Er
ahnte nicht, wie die beiden sich beim Plattenhören ein ganzes
anderes Leben in Zukunft vorstellten als er. Dann hielt Varja
plötzlich mit dem Finger die Schallplatte auf und fragte Maria
Σ warum sie sie verraten hätte!? Maria konnte sich eine Situation,
in der sie Varja verraten würde, nicht einmal vorstellen.
Wie denn, womit soll sie die Freundin denn verraten haben?
Varja beschuldigte sie daraufhin, zu lügen, doch sie wollte keinen
Streit, die Musik schien ihr wichtiger. Varja begann wieder
mit Beschuldigungen des Verrats. Nachdem sie die Azra-Platte
qualvoll und sinnlos zu Ende gehört hatten, musste Maria die
aufgebrachte Varja aus dem Zimmer werfen. Sie zerstörte die
Platte. Maria fragte sich, was mit Varja los war, aber nach so
vielen geheimen gegenseitigen Geständnissen von Sehnsüchten,
die sie beide quälten, verletzte sie Varjas Anschuldigung und
von den Vorwürfen wurde ihr übel. Die Verletzung war so tief,
dass sie beschloss, ihr eine Zeit lang aus dem Weg zu gehen.
Über die Anschuldigung dachte sie nicht einmal mehr nach. Sie
vergaß sie sogar. Doch sie vergaß die Heftigkeit von Varjas
Eifersucht lange nicht, was sie am meisten erschreckt hatte. Sie
konnte einfach nicht begreifen, woher die Eifersucht kam! Diese
Heftigkeit, die Varjas Gesicht verzerrte, Flüche hervorbrachte
und die freundschaftlichen Gefühle ganz erstickte. Maria war
immer überzeugt gewesen, dass Freundinnen einander vollkommen
vertrauen mussten. Unter Freundinnen gab es keine
unangenehmen Themen, Heimlichkeiten, und schon gar nicht
Eifersuchtsanfälle! Solche Anfälle zeigten einen Mangel an
echtem Vertrauen, und das bedeutete an echter Freundschaft.
Es war nicht einfach, die Treffen mit Varja einzustellen. Maria
beschloss, dass es so am besten war und hielt durch, sie vertraute
niemandem ihre Enttäuschung an. Und sie würde nicht auf Papa
hören und sie abholen, weil Feiertag war. Sie würde ihm auch
nicht erklären, warum sie keine Freundinnen mehr seien. Nein,
sie würde ihr auch nicht aus dem Weg gehen. Sie würde einfach
nichts tun. Maria starrte auf den Tisch, auf die Schublade, wo
sie Papier versteckt hatte und hörte erneut den schon gehörten
Teil der Geschichte von Liebe und Freundschaft.
Meine erste Freundin hieß Junia. Sie war Römerin, was alle
daran erkennen konnten, wie sie sich kleidete, außerdem war
sie in Rom geboren, in dieser riesigen Stadt, dem Zentrum der
damaligen Welt. Meine Wohltäterin. Sie hatte mich Haltlose
von der Straße in Jeruschalajim aufgelesen, Ur Salam, wie ich
am Anfang diese, für uns heilige, Stadt nannte, wohin sie vor
einigen Jahren gekommen war, um ihren Mann zu finden, um
schwanger zu werden, wo sie aber erfuhr, dass er umgekommen
war. In der Trauer fand sie Ruhe, denn er hatte ihr bei einem
zuverlässigen Händler mit Wachs überzogene Tonkrüge hinterlassen,
angefüllt mit allerlei Schätzen. Die freie Frau begann
bald mit eigenem Handel, besonders mit Weizen, an dem es in
ihrer Geburtsstadt Rom immer gemangelt hatte, kaufte einen
kleineren Palast und ließ sich bei rauschenden Pinien mit ihren
gescheiterten Träumen und Güte nieder. Ich wusste, dass sie aus
einer Patrizierfamilie stammte, denn in ihren wunderschön
ausgestatteten Gemächern versammelten sich angesehene Römer
und Juden, Feldherren und Steuerbeamte und Statthalter
und alle, die sich nach der fernen Heimat sehnten oder der
Ehrerbietung für ihre hiesigen jüdischen Kinder, bereit für das
Festmahl, das auf original römische Art zubereitet wurde. Sie
hatte mich frierend und hungrig mit wenigen Worten in ihr
Haus mitgenommen und nach einem langen Bad in Blättern
verschiedenfarbiger Rosen adoptiert und zu ihrer Tochter erklärt.
Sie nannte mich Junia die Jüngere, obwohl ihr mein richtiger
Name gefiel. Am meisten genoss sie es, mich aufwachsen
zu sehen, wie ich zu einem Mädchen heranreifte. Sie konnte
stundenlang mit dem Kamm durch mein kräftiges Haar fahren
oder sich ein Kleid ausdenken, das den Menschen meinen ungewöhnlich
wohlgeformten und begehrten Körper zeigen sollte,
die Augen und ihre Farbe betonen, meine Hände weiblich biegsam,
zart und nachgiebig. Sie unterhielt mich mit unfertigen
Geschichten aus ihrem Leben, brachte mir bei zu kochen und
auf einem Instrument mit zitternden Saiten zu spielen, dessen
Name ich nie lernte. Aus Geschichten weiß ich, wie mutig und
schwer es für sie war in Rom zu leben, wo sie regelmäßig von
Bruderschaften ausgeraubt wurde. Die Patrizier luden sie unregelmäßig
zu ihren Festmahlen und Orgien ein, denn sie war
ihrem Mann, einem Krieger, und auch den Republikanern treu.
Sie konnte lesen und schreiben, aber das wollte sie mir nicht
beibringen und behauptete, dass mich dieses Wissen nur unglücklich
machen würde, was sie mit dem Lesen trauriger Gedichte
bezeugte, Auszügen aus ihrem kummergetränkten
Tagebuch. In Rom verbrachte sie ihr Leben mit Warten und
Hoffen und vielen Gedanken an den Geliebten, den die Kriege
immer mehr von zu Hause und der Stadt entfernten, die er
verteidigte. Hier im Osten, sagte sie, ist das Leben stehen geblieben,
aber es ist schön geworden, prachtvoll und angenehm
mit dem Glauben an neue Tage, neue Lieben und neue Herausforderungen.
Eine Herausforderung war ich, jung und unbeholfen,
so widerstandsfähig und stark, so anders.
Von Junia werde ich noch viele Male erzählen, glaube ich,
aber diese erste Begegnung und der Aufenthalt in ihrem Palast
in diesem Jahr waren wichtig, denn es war das erste Mal, dass
ich ahnte, was mit mir geschah und dass mein freier Wille nicht
wirklich war, sondern geführt wurde von unbekannten Absichten
deines Vaters. Geschickt und grausam und überaus heimtückisch.
Nein, ich will es ihm nicht recht machen, ich weiß,
dass ihn Protest freute, also ist es besser zu sagen, dass er mich
nicht heimtückisch sondern mit selbstsüchtiger und männlicher
Klugheit überzeugte und zu dir durchs Leben führte, ohne
Rücksicht auf meine anderen Wünsche und Gefühle. So war es.
Aber seine Erwartungen wurden nicht alle erfüllt, denn meine
Verliebtheit wurde stärker und größer als seine Vorstellung, die
Vorstellung jenes launischen göttlichen Wesens.
Junia hatte von alldem nichts gewusst und nichts geahnt.
Sie kaufte ordnungsgemäß Hammel und warf sich unter deren
Blut, bedankte sich bei den Menschen aus dem geheimen Tempel
und zu Hause pflegte sie kleine Heiligenschreine, vor denen
sie Duftgräser, Öl und Kerzen anzündete. Sie erwartete nicht
von mir, dass ich daran teilnahm, doch sie wollte wissen, warum
ich nichts und niemanden um Hilfe anrief, keinen Glauben an
eine andere Welt zeigte und mich auch nicht vor Ungemach
fürchtete. Ich machte sie zurückhaltend darauf aufmerksam,
dass wir Juden unsere Zeichen besaßen, nach denen unser Leben
ausgerichtet ist. Es ist wichtig, die Mitzwot zu befolgen. Junia
wusste zu wenig über diese Gesetze, darüber was in der Thora
geschrieben stand, also versuchte ich mein bescheidenes Wissen
darüber, insbesondere über den Sabbat zu vermitteln. Ich sagte
ihr, dass für die meinen, Juden, denen ich angehörte, alles vorgeschrieben
ist, was sie essen, welches Essen rein ist, wann und
wie sie sich lieben sollen, auch wen sie mit Fingern berühren
dürfen, nachdem sie sie in Tongefäßen gewaschen haben. Ich
erklärte ihr, dass es vorgeschrieben war, wann sie das Land bestellen
sollen, und dass sie von Sonnenuntergang am Freitag
bis Sonnenaufgang am Sonntag nicht arbeiten dürfen, sondern
Brot und Wein essen sollen, das unsere Frauen in Häusern und
Zelten zubereitet haben. Am meisten aber quälte sie, diese meinen,
die mich zu sich zählten, der große Schmutz, den ihnen
die Römer brachten, gegen den sie sich immer wieder vergeblich
auflehnten. Das brachte sie zum Lachen, dass ich wusste, dass
sie sich vergeblich auflehnten, das machte auch mich vor den
meinen unsauber, dass ich nicht vor den Römern zurückschreckte
und vor ihrer Vielgötterei, dass ich mit Heiden am
Tisch saß. Es war nicht nur das, sondern auch die Beschuldigung,
dass ich besessen war. In Galiläa haben sie mich verbannt, weil
sie vor den Dämonen in mir Angst hatten, die ich immerhin für
einen Daimon hielt, nach griechischen Lehren, von denen ich
zum ersten Mal bei Lagerfeuern der Karawanen gehört hatte.
Mich hatte auch ein Sklave gelehrt, von dem ich nicht ohne
Tränen sprechen kann. Die Daimones waren unsichtbare Wesen
im Raum über der irdischen Welt und der Welt der Götter auf
den Höhen eines Berges im Land Griechenland, genannt Olymp.
Sie haben mich ermutigt, getröstet und in Geheimnisse eingeweiht,
die unzugänglich waren für Menschen, die von Handel
und Besitzerwerb belastet waren. Vor solchen bin ich immer
geflohen. Immer. Sie waren nicht bereit, ihre Besessenheit von
Bereicherung zuzugeben, sodass auch ich ihnen meine Besessenheit
von Güte und geistigen Zielen nicht zugeben konnte.
Aber dafür konnten sie meine Besessenheit als dämonisch,
unrein und schädlich erklären. Das konnten sie. Und das taten
sie auch. Obwohl gerade Moses Gebote sie lehrten, mich nicht
anzuklagen, mich nicht aus der Gemeinschaft zu werfen. Ich
sagte ihr auch, dass diese Dämonen, von denen ich mich angesteckt
habe, wie die Menschen und Rabbiner sagten, eine Art
Krankheit seien, die sich von Ort zu Ort verbreitete, von Mensch
zu Mensch, und besonders erfolgreich von Frau zu Frau. Darum
habe ich sie, vertraut mit griechischen Geschichten und Deutungen
von der Besessenheit der Seele mit einer Idee, zu meinen
Daimones erklärt, um die hässlichen Angriffe auf mich und die
unaufhörlichen Verfolgungen, die ich erlitt aufzuhalten. Ich
wollte, dass sie mich nicht mieden wegen der Ansteckung mit
den Dämonen. Dass sie mich nicht als unrein ansahen. Sie lehnten
ab. Es schreckte sie nicht, dass ich so schwach und zu jung
umherirrte auf der Suche nach gespendetem Brot und Kleidung,
dass ich hilflos war, weil ich noch keine Kraft hatte, um mich
gegen die Angriffe gieriger Heuchler zu wehren. Ich wehrte
mich mit einer List, die die Sorglosigkeit der Kindheit aufsaugte.
Das hinderte sie, die Schurken, nicht daran, mich zu verurteilen.
Sie vermieden es mich anzufassen und das war das einzig Gute.
So konnte ich selbst auswählen, wer mich berühren sollte, denn
Berührungen waren für mich notwendig und unerlässlich.
Darum liebte ich Junias Hände auf meinen Schultern, wenn sie
mich auf den Markt führte oder ihr sanftes Händehalten, wenn
sie den Mut aufbrachte und den Sklaven befahl, uns zu ihrem
geheimen Tempel in der Sänfte zu tragen, was in unserer Gegend
nur den Ranghöchsten zuteil war, dem jungen verdorbenen
Sohn Herodes’ und seiner Familie. Sie liebte meine Geschichte
von den Daimones, aber sie liebte die Juden nicht, die sie und
mich an verschiedenen Orten in der Stadt laut und übermütig
beleidigten.
Was ich nicht wusste und auch noch nicht fühlte in einem
so leichtgläubigen Leben zwischen unterschiedlichen Völkern
in Jeruschalajim in diesen Tagen war, dass er entschieden hatte,
die Ereignisse auf mich hin zu leiten und mich zu ihnen hin,
nach seiner Vorstellung, wobei er mir die Illusion ließ, dass ich
selbst darüber entschied. Und was noch schlimmer war, gerade
zu dem Zeitpunkt beabsichtigte er, mich zu seiner Sklavin machen,
in allen meinen Begrenzungen. Ich erzählte Junia von
meinen schlaflosen Nächten. Obwohl ich heute glaube, dass sie
als Frau ahnte, worum es ging, stellte sie unschuldige Fragen,
jeden Tag, sie gab mir so die Gelegenheit, mich ihr anzuvertrauen,
doch ich schwieg. Ich wollte auf primitive Weise unabhängig
bleiben, allein, einzigartig. Das war verständlich, denn
ich hatte die Einsamkeit weder auf irgendeine Weise gefühlt,
noch unterschied ich all jene Frauen, die diese Erniedrigung mit
mir teilten. Ich nenne das Erniedrigung, denn so ist es auf dieser
irdischen Welt, die aufgeteilt ist in Männer und Frauen.
Vielleicht langweile ich dich mit diesen Erklärungen, doch in
jedem Leben gibt es ein Vorher und Nachher, und in jedem
Leben gibt es diesen Moment, in dem man erkennt, mit welchen
Kräften sich dieses Vorher in das Nachher verwurzelt hat und
eine Wunde wurde. Eine Wunde, die nicht heilt. Und die alle
sehen, da sie sich am Körper befindet, so dass der oder die nächste
sie sofort sieht.
Weißt du, meine Geschichte ist diese sichtbare Wunde, die
du nicht einmal sehen willst und kannst. Doch als es sie noch
nicht gab, ich meine die Wunde, gab es eine Stelle an meinem
Körper, wo sie sich einnisten würde. Und von dieser Stelle erfuhr
ich lange vor unserer Begegnung.
Das war so.
Junia nahm mich mit in ihr Heiligtum, und als wir uns
schwitzend und erschöpft durch die Menschenmenge gekämpft
hatten und endlich ihren Tempel erblickten, eigentlich Palast,
wo die Römer heimlich, um mein Volk nicht zu beleidigen, ihre
Rituale abhielten, erstarrte ich, gefesselt von einem Blick, der
auf meinen Rücken geheftet war. Ich sagte ihr, sie solle weitergehen,
sie solle allein hineingehen, sie hatte mein Innehalten
falsch verstanden, sie dachte, dass ich diesen für Juden geheimen
Ort nicht guthieß, doch es war keine Zeit für Erklärungen, sie
schritt allein auf die Stufen zu und näherte sich mit gesenktem
Kopf dem Eingang des Palastes, der in eine heilige Stätte verwandelt
worden war.
Mich hatte der fremde Blick von jemandem gefesselt, sodass
ich mich nicht umsehen konnte. Wütend versuchte ich, das oder
den zu entdecken, der mich gefesselt hatte. Unerwartet verschwand
die Kraft des unsichtbaren Knotens, es war ein Augenblick
seiner Unvorsichtigkeit, auch ich wandte mich um, den
Kopf, nicht den Körper, und dann folgte auch der Körper meinem
neugierigen Blick. Ich sah ihn und er hatte es nicht erwartet.
Ja. Ich sah ihn an und merkte mir jedes Teil, jedes kleine Stückchen,
ich setzte das Bild für eine ewige Erinnerung zusammen,
nur war ich mir damals dessen nicht bewusst.
Er stand sechs oder sieben Schritte hinter meinem Rücken
und die Menge ging an ihm vorüber, als ob es ihn nicht gäbe.
Die festen nackten Füße schwebten über dem heißen Stein und
er, mit einem seidenen Umhang richtete den linken Finger auf
mein Gesicht. Dieser feste und große Körper verlor seine Umrisse,
verdunkelte und erhellte sich unabhängig von den Wolken
vor der Sonne, er löste sich nicht auf, sondern wurde durchsichtig
bis zur Unsichtbarkeit oder ein scharf umrissenes Vermächtnis
in Stein. Er pulsierte wie ein großer Fisch, der aus dem Meer
gezogen wurde und panisch nach Luft schnappt und Wasser
erwartet. Sein Gesicht war knochig, ohne Schatten eines Ge
fühls, das einem die Stimmung des Menschen zeigt, der vor
einem steht. Auch das wunderte mich nicht. Nichts wunderte
mich, nur meine Wut verflog und sein Blick bohrte sich in mein
Haar, die Wangen, Augen. “Geh nicht hinein!“ Er sagte leise zu
mir, ich solle nicht hineingehen. Ich kam nicht dazu, ihn zu
fragen warum, weil er auf mich zukam und das wirkte, als ginge
er auf der Stelle, doch ich sah, wie er auf mich zukam. “Du bist
zu Größerem auserwählt, Höherem“, fügte er mit klingender
aber auch leiser Stimme hinzu und bekreuzigte mich. Ich weiß,
dass er genau das gesagt hat, doch ich starrte auf sein Gesicht,
auf den Glanz unter den Augenbrauen, auf den Mund, die Stirn,
die kräftigen Knochen unter den Augen, die Maske, die verschwand
und sich wieder bildete. Ein Mann. Alterslos. Blutlos.
Ich starrte, hingerissen, aber nicht überrascht. Und keinesfalls
erschrocken, was ihn beeindruckte. Ich weiß. Ich stand dreist
und unerschüttert da. Ich studierte dieses Gesicht. Er war überzeugt,
dass ich mir seine Sätze gemerkt habe und beschloss zu
verschwinden. Oder er wartete, dass ich mich vom Palasteingang
auf den Weg nach Hause machte, vom Eingang des geheimen
Palastes, der ihm nicht gehörte. Ich ging unsicher los, Junia
würde mich schon erwarten und ich zog mich leise zurück. Sein
Blick verfolgte mich und erst jetzt bemerkte ich den Unterschied:
Seine Augen hatten einen Glanz aber keine Wärme wie deine,
denn sie hatten keine Tränen. Was habe ich noch bemerkt? Dass
er euch nach seinem Bild geschaffen hat, wie mehrfach geschrieben
steht in den alten Büchern. Ja, er hat den Mann sich ähnlich
geschaffen, aber aus Fleisch und Blut, das in Kämpfen fließt, die
nicht aufhörten. Männer. Helden. Nur Krieger. Doch am wichtigsten
war, dass ich gesehen habe, was ich heute weiß Σ du bist
sein Sohn!
Junia kehrte vollkommen beunruhigt vom Ritual zurück.
Ich hätte den meinen gestehen können, was eigentlich im Palast
geschah, sie verraten können. Sie hätten mich entführen und
als Sklavin verkaufen können, sie hätten meine Hand abschneiden
können, um das goldene Armband an meinem Handgelenk
wegzunehmen. Ich lächelte sie an und sagte, dass mir vor Hitze
schlecht geworden sei und dass ich deshalb hätte Wasser trinken
müssen. Sie glaubte mir nicht, aber sie ahnte, dass ich nicht auf
ihre Fragen antworten durfte und so stellte sie sie nicht. Eine
Zeit lang webten wir zusammen in der Stille. Die Sonne ging
schamhaft im Westen unter, sodass ein Schatten in Form eines
Kreuzes auf unseren Webgürtel fiel. Junia bedeutete es nichts,
auch mir nicht, aber dennoch, das weiß ich noch heute, zog sich
etwas in meiner Brust zusammen. Meine Freundin kümmerte
sich fürsorglich und zärtlich um mich, besonders in schweren
Tagen, von denen ich dir jetzt erzählen will.


Julijana Matanović

Julijana Matanović (Gradačac, 1959) is a writer, literary critic and a university professor at the Department of Croatian Language and Literature at the Faculty of Humanities and Social Sciences in Zagreb. She graduated from the College of Education in Osijek and received her Doctorate at the Faculty of Humanities and Social Sciences in Zagreb.

She debuted at the Croatian literary scene with a short story collection Why I Lied to You (1997), that was later published in fifteen reprints and awarded with the prestigious Josip and Ivan Kozarac prize. Literature itself is a leitmotif of the entire oeuvre of Julijana Matanović. Intertextuality and metafiction intertwine with autobiographical elements, blurring the lines between literature and life. Her most important works of fiction include A Note on the Author (2000), Like Father and Daughter (2003), Laura’s Not Just an Anecdote (2005), Who’s Afraid of the Character (2008), What Are You Talking About (2010). In 2009, she won the most important Croatian literary award, the Kiklop, for her novel Book of Women, Men, Cities and Goodbyes, and a second one followed in 2011 for her Young Adult title cowritten with Anka Dorić, They Think We’re Little

Other than a prolific career of a fiction writer, Matanović is known for her many critical works on Croatian and World literature. Since 2014., she is a member of the Croatian Academy of Science and Art.



Vladimir Stojsavljević-linkovi

http://www.min-kulture.hr/default.aspx?id=7259
http://fraktura.hr/autori/a-214
http://www.jutarnji.hr/vladimir-stojsavljevic--zreli-pripovjedac-na-kojeg-trebamo-sve--ozbiljnije-racunati/983287/
http://www.hrvatskodrustvopisaca.hr/hr/clan/vladimir-stojsavljevic-209
 


Dražen Ilinčić

Dražen Ilinčić (Zagreb, 1962) is a Croatian journalist, playwright and a writer. He graduated in English Language and Comparative Literature at the Faculty of Humanities and Social Sciences at the University of Zagreb. As a student, he was a contributor in the Cultural section of Večernji list, and after graduation he worked there as a journalist and a film critic. In 2011 he started working on Croatian National Television, as the editor of the programme dedicated to cultural events, Pola ure kulture.

He published his first work of prose, The Berlin Towel in 2006, followed by The Shortest Stories (2008), The Last Step (2013), The Strange Case of N. the Journalist (2018). He wrote and directed the documentary Amato (2008).


Tanja Tolić, najboljeknjige.hr

Although “The Book of Complaints” is about writers, literature and the ambition to have our lives written, to give meaning greater than a neatly filed complaint to this short existence often ruled by chance, Ivanišević is in fact a universal writer, in the best possible way – a writer for any reader. His novels are nested Chinese boxes: you dive in as deep as you want, you can swim on the surface of laughter, or dive in and find out what lies hidden beneath.



Zoran Roško

Zoran Roško (Šibenik, 1960) is a Croatian writer and editor. He is currently working as an editor of the literary magazines Libra Libera, Quorum and Tvrđa. He debuted on the literary scene with an essay collection More Paranoid Than Love, More Amusing than Evil (2002). His first fictional work was the novel Beauty Eating the People (2011), followed by Minus Sapiens (2017). He has also edited a selection of short stories by the contemporary American authors, titled My Nightmares are Too Beautiful for This World in 2010.

For the original and experimental prose of Minus Sapiens, he was awarded with one of the most prestigious Croatian literary awards, Janko Polić Kamov Prize.

 


Irena Matijašević

Irena Matijašević (Zagreb, 1965) is a poet, novelist, editor, and translator. She graduated in English and Comparative Literature from Zagreb's Faculty of Humanities and Social Sciences. She served as a member of the Croatian Semiotic Society's board of directors and currently works as an editor at Croatian Radio, where she edits programs on poetry and literature, as well as the human sciences.

Her poems have been translated into English, German, Slovak, Swedish, Romanian and Polish, while both her poems and essays have been published in numerous magazines (Quorum, Vijenac, Zarez, 15 dana, Poezija, Fantom Slobode to name a few).


Photo: (c) Jakob Goldstein


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