Ivana Bodrožić' book among The Best International Crime Novels of 2021

“We Trade Our Night for Someone Else’s Day” by Ivana Bodrožić has been chosen among The Best International Crime Novels of 2021 by CrimeReads, an American culture website dedicated to the best writing from the worlds of crime, mystery, and thrillers.

Bodrožić is one of only four European authors featured on this TOP 10 list, and CrimeReads wasn’t short on the praise when talking about her novel, translated by the renowned Ellen Elias-Bursać:

“Ivana Bodrožić’s newly translated novel of trauma, vengeance, and despair is as noir as they come. A journalist’s arrival in an unnamed city where neighborhoods are long on memory and short on justice is the catalyst for new explosions of ethnic hatred. The journalist is there to interview a Croatian woman imprisoned for sleeping with her Serbian student and convincing him to murder her husband. She’s also there on a mission to find out the truth about her long-missing father, if her quiet connection with a nonpartisan taxi driver doesn’t derail her quest. Bleak, devastating, and lyrical in equal measures.”

Originally published in 2016 in Croatia, it was awarded The Balkan Noir prize for Best Crime Novel in the South-Eastern European region, USA edition was published earlier this year by Seven Stories Press to amazing reviews including the one in The New York Times which simply concluded: “Bodrozic, mediated by Ellen Elias-Bursac’s assured translation, chronicles what a country chooses to remember, and what it consciously forgets, with confidence and grace.”

 


Sibila Petlevski-sample translation

Tabu III:
Dämmerzustand

Kopel Moschkow erinnerte sich an Maša mit Zärtlichkeit, bedauerte jedoch nichts. So hatte es sein müssen. Sie war eine richtige Kostbarkeit, die er auf seinem Weg nach Vollkommenheit aufgegeben hatte. Später verkaufte er die Besitztümer seines Vaters und investierte alles in eine Druckerei in Warschau, wo heimlich politische Broschüren gedruckt wurden. Er agitierte von Stadt zu Stadt, versuchte, den Arbeitern beizubringen, wie ein Aufstand zu organisieren sei. Er schloss sich dem radikalsten Flügel der Anarchisten an. Und dann hat er endlich – genauso sagt er es selbst: endlich! – erkannt, dass es in seinem Leben nur eine einzige Alternative gibt: entweder, sich in der Terrorfabrik anstellen lassen, eine Katastrophe entfachen und die Menschheit so rasch wie Möglich in den Abgrund des Verderbens zu schieben, denn das Menschengeschlecht bewegt sich ohnehin Abwärts und kann auf keine Rettung hoffen, oder sich selbst das Leben zu nehmen. Er konnte keine Zeit mehr wartend verlieren. Das Schicksal hatte eiligst zu entscheiden, welche Rolle er spielen werde. Tagelang irrte er umher, erfasst von einem sonderbaren Ich-werde-alles-zerstören-Gemüt, demselben, dessentwegen Auguste Blanqui – Vertreter der gewaltsamen Revolution, bekannter unter dem Spitznamen „der Eingeschlossene“, weil er den größten Teil seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte – seinerzeit behauptete, in Paris seien fünfzigtausend Menschen immer bereit, ohne richtigen Grund Blut zu vergießen, wenn sie nur ein Zeichen bekämen, einen Wink – ganz gleich was für eines Provokateurs oder Anführers. Kopel Moschkow war zu dem perversen Schluss gekommen, dass wir Menschen, die vorgeben, gut zu sein und denken, wir seien fähig zu lieben, eigentlich ein Leben in einer Menschheit nötig hätten, die leidet und hungert, hasst und tötet, denn nur die Nähe des Unglücks, nur das Gefühl intensiven Schmerzens im Beobachten von Szenen des Verunglückens kann uns dazu bewegen, und der Liebe bewusst zu werden und starker zu lieben. In diesem kurzfristigen Erguss instinktiver Liebe – dachte Kopel Moschkow – gibt es eigentlich nichts Großartiges, nichts weswegen man stolz sein sollte – nur bloße Mechanik, in der warme Liebe an die Oberfläche spritzt wie Sperma oder Pisse in den Mund einer demütigen Maša, worauf Reue folgt, die gerade mal so lange andauert, bis die Spur der Liebe in Erwartung neuer Anlässe nicht getrocknet ist.
Und so ging Kopel Moschkow von einer zur anderen kaukasischen Stadt, in die ihn seine Parteizentrale geschickt hatte, um dort zu Agitieren, und war von seinen revolutionären Ideen dermaßen verwirrt und verrückt, dass er in gewissen Augenblicken nicht mehr wusste, ob er noch am Leben oder bereits verunglückt sei und sich alles aus einer anderen Dimension ansieht. Er wusste kaum, wo er sich befindet und noch weniger, warum gerade dort. Während einer dieser Irrungen – notierte Kopel in seinem Zeugnis – fand er sich auf der Straße, in der Stadt Baku am Kaspischen Meer, in einem lauten Gespräch mit einem politischen Gesinnungsgenossen, umgeben von einer Schar Neugieriger, die ihrem lärmenden Disput zuhörten. Damals hatte er zum ersten Mal ein Thema angeschnitten, von dem er wusste, es werde die Geister in Aufruhr versetzen. Laut rief er aus:
„Das wird nicht einfach so über die Bühne gehen! Blut wird fließen! Die Tataren werden die ganze Stadt massakrieren und alles niederbrennen, bis zum letzten Haus! Alle Armenier werden sie umbringen. Sie haben ihnen Hände und Füße abgehackt, jetzt werden sie ihnen Nasen und Ohren abschneiden.“
Jemand aus der versammelten Menschenmenge wiederholte:
„So ist es. Hände und Füße... Nasen und Ohren.“
Und diese Botschaft breitete sich in der Menge aus, als werde sie von einem Echo getragen. Erst als er einige Tage darauf aus diesem halbbewussten Zustand körperlicher Starrheit erwachte, den er einen todesähnlichen Schlummer nannte, konnte Kopel die Ausmaße der gesellschaftlichen Wirren in dieser unglücklichen Stadt erkennen. Als er auf die Straße ging, schien die Stadt wie ausgestorben. Auf den Straßen lag immer noch eine Menge niedergemetzelter Leichen; die Geschäfte waren geschlossen; immer wieder konnte man Häuser mit aufgebrochenen Türen oder zerschlagenen Fenstern sehen. Wie er erfahren konnte, hatten die Tataren in Tiflis noch schlimmeres angerichtet. Angeblich hatten sie Neugeborene den Hunden zum Fraß vorgeworfen, während sie in Baku die Armenischen Ölpumpen in die Luft gesprengt haben. Das Feuer hatte sich ausgebreitet, sodass die gesamte Ölindustrie zerstört war, worauf Zehntausende ihre Arbeit verloren.
Nichts davon hatte ihn wirklich berührt. Kopel fühlte sich von einer erschreckenden Gleichgültigkeit befallen, er spürte weder Schmerz, noch Zufriedenheit, noch Mitgefühl. Es war dies eine Reaktion auf die vorherige Überspanntheit seines Lebens, sodass er sich zu fragen begann, ob denn die Natur Schranken setze, damit sich der Einzelne nicht über den menschlichen Standard erheben könne? Er fragte sich:
Kann es sein, dass der Zustand, in den ich in Baku verfallen war, eine Art seelischer Synkope ist, eine Art Halbdunkel, in das der Mensch versinkt, wenn sein psychischer Zustand sich der Grenze des Übermenschlichen nähert, so wie es, wenn der Schmerz die Grenze des Aushaltbaren überstiegen hat, zu Schwäche- und Ohnmachtsanfällen, also, einer körperlichen Synkope, kommt?
Er konnte kaum erwarten, dass sich ihm eine neue Gelegenheit bietet, sich dessen zu vergewissern. Er wollte in dieser quälenden Frage auf Nummer sicher gehen, sollte er auch die halbe Menschheit opfern müssen, um Antwort auf sie zu bekommen.
Auch Meerschweinchen werden in laboratorischen Experimenten geopfert. Kopel kam zum Schluss, dass immer jemand geopfert werden muss, wenn man zu einer Lösung gelangen will.
Die erste Gelegenheit, dies zu überprüfen, bot sich, als er wieder in Warschau war, wo am ersten Mai große Demonstrationen stattfinden sollten. Die Arbeiter waren eigentlich noch nicht sicher, ob sie sich auf eine derartige, offensichtlich gefährliche Aktion einlassen sollen, oder ob der Zeitpunkt für diese noch nicht reif war. Kopel war inzwischen ein Meister der Agitation geworden, wie besessen trug er Gründe vor, weswegen man eiligst und unaufschiebbar auf die Straße gehen müsse. Dadurch kam zwar seine Überzeugungskraft zum Ausdruck, seine Motive aber gingen über die pragmatischen Zwecke hinaus; er glaubte nicht, die Arbeiterrechte ließen sich durch Demonstrationen zu Besseren ändern, eigentlich wusste er, dass dies im Endeffekt zu keiner tiefgreifenden Veränderung führen werde und dass nur ein Kompromiss möglich sei, aber im Mai 1905 war keine Vereinbarung mehr möglich. Nicht einmal für einen Kompromiss sei die Zeit reif, wusste Kopel. Den richtigen Anlass sah er in weit fernerer Zukunft, in der Aussicht auf eine neue Ordnung. Die zukünftigen Träger dieser Ordnung – daran bestand für ihn kein Zweifel – werden nicht zur Gattung Mensch gehören und auf diese auch nicht Rücksicht nehmen. Deshalb war es seiner Meinung nach schon damals gerechtfertigt, ein Blutopfer zu bringen. An der Menge der versammelten Menschen gemessen, hatten die Warschauer Demonstrationen alle Erwartungen übertroffen. Die engen Gassen waren von Mauer zu Mauer von der lärmenden Menge erfüllt, auf dem Platz, auf dem auch Kopel sich befand, verbreitete sich plötzlich die Nachricht: Die Kosaken kommen! Und sogleich geriet die Masse in Wallung, als würden sich reife Weizenähren im Wind zur Seite neigen. Die Soldaten hatten die Demonstranten umzingelt und zögerten nicht: von allen Seiten hörte man Schüsse und Schreie, als Antworten auf die Schüsse. Viele, darunter auch Kopel, hatten den Boden unter den Füßen verloren und wurden auf den Schultern der zusammengepressten Menge in einer Richtung getragen, die von der Angst bestimmt worden war. Diese Richtung änderte sich schlagartig, denn die Bedrohung kam von allen Seiten. Wenn die Richtung sich änderte, fiel ein Teil der Menschen auf die Erde. Alle, die fielen, wurden zertrampelt. Kopel spürte, dass er über Hügel aus Menschenleibern ging, unter aber konnte man gar nichts erkennen, so sehr war die Menge zusammengedrängt. Der Druck verstärkte sich gefährlich. In einem Augenblick ließ dieser schreckliche Druck, von dem Kopel annahm, er sei das letzte, was er noch spüren würde, dennoch nach und er hatte den Eindruck, er sei aus einem dichten Wald auf eine Lichtung getreten. Die Kosaken mit ihren herausgezogenen Säbeln metzelten alles nieder, was ihnen in die Quere kam. Ihre Pferde schlugen mit den Hufen und traten alles nieder. Die schrecklichen Schreie, das Röcheln der Niedergemetzelten, das Wehklagen der Verwundeten und Erschrockenen, das Wiehern der Pferde, die bestialischen Rufe der Kosaken in ihrem Dialekt, all das spielte auf seinen Nerven, als sei er in ein höllisches Konzert geraten. Er verstand nur: Los! Schlagt auf sie ein! Tretet alles nieder! – aber diese Befehle verloren die Dimension menschlicher Worte. Als sei sie mit Säure begossen worden, verwandelte sich die Sprache plötzlich in ein bestialisches Zähneknirschen und zischende Onomatopöien. Auf ihrer panischen Flucht drängten sich die Menschen in die Hauseingänge, diese aber waren verschlossen, sodass die ersten vom Druck der Masse zerquetscht wurden, die einzudringen versuchte. Sie zerschlugen die Fenster in den Erdgeschossen und versuchten, die Fassaden zu erklimmen, aber alles war vergebens, weil die Kletterer von jenen zurückgezogen werden, die wie Trauben an ihren Hosenbeinen, Ärmeln und Mantelrändern hingen. Manche, die von den Pferdehufen an die Mauern gedrängt wurden, warfen sich halsüberkopf in tiefe Kellereingänge, falls sie Glück hatten, wie Kopel, während andere, denen Gitter den Weg versperrten, von den Pferden der Kosaken zu einem rosafarbenen Fleischbrei zertrampelt wurden. In seinem skandalösen Zeugnis beschrieb Kopel später auch das Bild der von der Angst verunstalteten Gesichter, die an ihm vorbeigelaufen waren. Immer wieder traf er sich Auge in Auge mit einem Menschen, dessen Pupillen vor tödlicher Panik wahrscheinlich genauso breit waren, wie die seinigen. Sein Herz schlug wie wild, von unten, aus den Hoden, stieg aber eine Erregung seinen Körper hinauf – eine finstere Ekstase – die ihm einige Sekunden, bevor es ihm gelang, sich durch die Kelleröffnung zu quetschen, Hoffnung gab... Aber das, worauf er gehofft hatte, trat nicht mehr ein: er hatte das Bewusstsein verloren.

***

Kopel empfand sich selbst eigentlich nicht als Juden: er war es nur zur Hälfte. Auf jeden Fall hatten die Menschen, mit denen er einst verkehrte, keine Ahnung, wer er eigentlich sei und was für Ideen er habe. In Odessa traf er auf einen seiner ehemaligen Saufkumpane – mit dem er sich betrank und sich mit Huren herumtrieb – einen eingefleischten Antisemiten. Es fiel ihm nicht ein, einem Typen, der die Revolution als „von den verdammten Juden eingebrockte Suppe“ beschrieb, zu erklären, dass gerade er einer dieser verdammten Juden, schreckliche Revolutionäre und Terroristen war, von denen er faselte. Der Typ kannte ihn unter dem Namen Georgi und Kopel fiel es nicht ein, ihn eines Besseren zu belehren. Als sie sich in ein Wirtshaus gesetzt hatten, um etwas zu trinken, erzählte sein alter Bekannter von den Fehlern der politischen Führung. Er war bereits angetrunken, als sie einander begegnet waren und nach einigen Gläsern Wodka neigte er sich zu Kopel, zwinkerte ihm zu und sagte mit verschwörerischer Stimme:
„Aber, wenn die Regierung nicht weiß, was sie tun soll, wissen wenigsten wir, Abhilfe zu schaffen, nicht wahr?“
Kopel tat, als würde er verstehen, wovon dieser Mensch spricht und seine Meinung teilen. Es dauerte nicht lange, da begann der Typ sich zu rühmen, er sei Mitglied eines geheimen Komitees, das „die Sache in die Hand nehmen wird“. Großzügig schlug er vor:
„Georgi, alter Kamerad, ich werde dich mit den Jungs bekannt machen.“
Natürlich sagte Kopel zu und so fand er sich schon am darauffolgenden Tag in einer Gruppe junger Männer, die behaupteten, „alles sei vorbereitet, man warte nur auf die Proklamation.“ Sie beabsichtigten, einen Text zu verfassen und ihn als Flugblatt im Volk zu verteilen, den sie ein „zivilisatorisches Dokument“ nannten. Sinn und Zweck dieser Proklamation, erklärten sie ihm, sei es, den Menschen den Schleier von den Augen zu reißen und ihnen endlich klar und deutlich zu sagen, wer an allem Übel in ihrem Land die Schuld trägt – „und die Schuld tragen die Juden, die geschworen haben, mit den Japanern gemeinsame Sache zu machen, nur um das Heilige Russland zu vernichten.“
Kopel war die Einstellung der Verschwörer sofort klar: es waren schlecht gebildete Menschen – jene, die von den Roten Lumpenproletarier genannt wurden und auf die nicht gerechnet wurde, im Gegensatz zu den Schwarzfähnlern, die meinten, die radikalsten anarchistischen Ziele seien gerade mit Hilfe derartiger analphabetischen, sich ihrer Klassenzugehörigkeit unbewussten, elenden, dem Verbrechen aber nicht abgeneigten Tunichtgute und Tagediebe umzusetzen. Kopel aber – in der gnadenlosen, kompromisslosen, finsteren geistigen Verfassung, in der er sich gerade befand – schienen solche überschäumenden Kerle ohne zu viel Hirn, die sich ihrer stählernen Eier rühmten und das auch noch Patriotismus nannten, das ideale Werkzeug für das Hervorrufen eines allgemeinen Kataklysmus zu sein, bevor es zur Errichtung der neuen, höheren Ordnung kommen sollte.
„Georgi hat Hirn, und was für welches“, lobte sein alter Kamerad Fedja Kopels intellektuellen Fähigkeiten, sodass ihm die Jungs aus der Gruppe der Schwarzhunderter anboten, für sie ein paar Proklamationen zu schreiben. Es wäre ihnen nicht im Traum eingefallen, dass sich ein schwarzfähnlerischer Anarchist in ihre Reihen hätte einschmuggeln können. Kopel nahm das Angebot sofort an, denn das Verfassen eines solchen Texts, der ausschließlich der Entfachung niedrigster Leidenschaften dienen sollte, erschien ihm als erste – einmal hat er das genau so gesagt – „als erste größere Arbeit in der Terrorfabrik“. In der Zeitung, die Odesskie dni hieß, war bereits ein Artikel erschienen, in dem die Schuld für das Feuer und die Ausschreitungen im Hafen bezüglich des Panzerkreuzers Potemkin und dessen meuternder Matrosen ausschließlich den Juden gegeben wurde. Aufruhr und Blutvergießen überhaupt brauchen einen Anlass, der Grund dafür ist stets weniger wichtig, dachte Kopel. Sogar, wenn es um den unmittelbaren Anlass der Meuterei an Bord der Potemkin ging, konnte daran gezweifelt werden, ob die Matrosen wegen des vergammelten Fleischs die Geduld verloren hatten, ob sie verhindern wollten, dass eine Gruppenexekution jener stattfindet, die es abgelehnt hatten, dieses Fleisch zu essen, oder ob es sich um ein Sinken der Moral handelte, sodass eigentliche Grund für den Aufstand die Katastrophe war, die russische Schwarzmeerflotte im Mai in der Schlacht um Tsushimu erlebt hatte. Wäre es der Centralka, einer Gruppe, die von einer Kette von Aufständen auf allen Schiffen der Schwarzmeerflotte und der Vereinigung der Matrosen mit den Revolutionären an Land träumte, tatsächlich gelungen, das Geplante zu Organisieren, und sei es nur auf einem Schiff, wie die Potemkin es war, wäre die russische Marinekommandantur im Krieg gegen die Japaner nicht so erfolglos gewesen. Aber auch das Gammelfleisch als unmittelbarer Anlass war nicht zu unterschätzen.
Im Juni 1905, am 26. nach dem alten, beziehungsweise am 13. nach dem neuen Kalender, töteten die Kosaken einige Metallarbeiter, die noch seit den Maidemonstrationen hartnäckig streikten. Am folgenden Tag beschlossen die Arbeiter, dafür Rache zu nehmen, indem sie die Produktion in den Fabriken massenhaft einstellen und die Polizei mit Steinen bewerfen würden, als der Kreuzer Potemkin aber im Hafen von Odessa angelegt hatte, wurden die Menschen von einer völlig zwecklosen, ekstatischen Neugier erfasst, sodass sie zum Anlegeplatz eilten, was den Streik dann eigentlich vermasselt hatte. Eine Menge Dockarbeiter, vermischt mit sogenannten „Menschen ohne bestimmtes Gewerbe“, begann die Baracken im Hafen in Brand zu legen, sodass die Armee einschreiten musste. Um die tausend Menschen kamen in den Unruhen ums Leben oder wurden verwundet. Die Odesskie dni schob auf mehreren Seiten die Schuld dem Jüdischen Selbstschutzkomitee und den Gymnasiasten in die Schuhe. Kosubow, der Befehlshaber der Gendarmerie, erklärte, für die Brände im Hafen seien ausschließlich die Juden verantwortlich.
Kein Wunder, dass unter den Leuten wieder das Wort Pogrom zu hören war. Immer lauter sprach man darüber, dass es in dieser Stadt „kein Leben mehr gäbe für ehrliche Christen“, aber, Hand aufs Herz, nur ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung war wirklich reich; die meisten waren arme Arbeiter oder Kleinhändler aus der Mittelklasse, die genauso schwer lebten, wie Russen, die in den gleichen Eigentumsverhältnissen lebten. Seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hatte es in Odessa schon mehrere Pogrome gegeben, sodass es schon anhand dieser Erfahrungen schien, es werde nicht so schnell zu einem Blutbad kommen – obwohl alle Bürger tief in ihrem Inneren wussten, dass es unvermeidlich war. Es benötigte noch mehrmonatiger Konflikte mit der Polizei, organisierter Studentenversammlungen und Arbeiterstreiks, damit sich die Atmosphäre zur Gänze zuspitzt und polarisiert, sodass sich zwei bewaffnete Gruppen bilden: patriotische Extremisten einerseits, Studenten und verschiedene durch die Idee der Revolution verbundene Gruppen andererseits. Und dann erließ Zar Nikolai II im Oktober das Manifest über die Perfektionierung der staatlichen Ordnung, das –zumindest auf dem Papier – die Versammlungs-, Presse-, Religions- und Meinungsfreiheit garantierte. Erfasst vom Fieber der Begeisterung gingen die Menschen auf die Straße und gratulierten einander als sei es ein Feiertag. Bald wehten die roten Fahnen und man konnte Slogans hören, wie: „Nieder mit der Autokratie!“, „Es lebe die Freiheit!“, „Nieder mit der Polizei!“, und jemandem fiel es sogar ein, Bilder des Zaren Hunden an die Schwänze zu binden. Eine Gruppe junger Juden setzte sich mit einer Gruppe von Arbeitern auseinander, die es abgelehnt hatten, vor der roten Fahne die Mütze zu ziehen. Harte Worte waren zu hören, Flüche, ein-zwei Schüsse, dann aber verflüchtigten sich die beiden Gruppen. Eine andere bewaffnete Gruppe geriet mit der Polizei in Konflikt. Und so mehrmals täglich, an verschiedenen Orten in der Stadt, sodass es bis zum Abend mehrere Dutzend verwundete und vier tote Russen zu verzeichnen gab, was nicht ohne Nachspiel bleiben konnte. Am nächsten Morgen, gegen zehn Uhr, begann sich im Hafen eine Menschenmenge zu versammeln: den Dock- und Bauarbeitern hatten sich Fabrikarbeiter, Verkäufer, Handwerker und deren Gehilfen angeschlossen. Es standen natürlich auch Gruppen von Nichtstuern umher. Die Jungs vom Schwarzen Hundert aus Odessa verteilten Ikonen, Fahnen, Portraits des Zaren, Wodka, Geld und Waffen, sodass immer mehr passiver Beobachter an der Prozession teilnahm, die Kurs aufs Rathaus nahm, unter lautem Geschrei:
„Alle soll man sie umlegen!“
Als sie im Rathaus angekommen waren, entfernten sie dort die rote Fahne und hissten wieder jene des Zaren. Dann gingen sie zur Kathedrale, wo sie der Gouverneur von Odessa, Grigori Neidhardt erwartete, der vor die versammelte Masse trat, sie als Patrioten begrüßte und zur Gedenkfeier einlud. Nachdem den Toten die letzte Ehre erwiesen und eine kurze Messe zelebriert wurde, begab sich die Prozession in die Innenstadt von Odessa. Kopel war dabei, als von irgendwo her, von oben, von einem Dach, plötzlich ein Schuss zu hören war. Ein Junge von zehnzwölf Jahren, der eine große Ikone trug, fiel tot um. Er war eines von vielen hungrigen städtischen Waisenkindern, die, zu kleinen Banden organisiert, bettelten und stahlen. Niemand sah, wer geschossen hatte, aber da gab es keinen Zweifel mehr: alles deutete auf die Juden aus der Selbstschutzgruppe hin.
Ein totes Kind mit einer Ikone in der Hand, gerade wo sie auf dem Rückweg von der Kathedrale waren! Konnte den irgendetwas auf der Welt die Menge mit so entsetzlichem, gerechtem Zorn erfüllen, wie diese Szene? Das Schwarze Hundert und noch einige organisierte patriotische Gruppen waren mit Gewehren bewaffnet, die Übrigen hatten alles mitgenommen, was ihnen passend erschien: Knüppel, Seile, Werkzeug, Äxte und Messer. Die selbstorganisierte Gruppe aus dem Zentrum von Odessa vermischte sich mit den Massen, die vom Rathaus und der Kathedrale vorbei zu den Docks gekommen waren und Nachricht vom Mord an dem jungen Gerechten brachten. Es begann mit dem Zerschlagen der Auslagen jüdischer Geschäfte und dann begann die Menge, sich am Mobiliar auszulassen. Kopel schien, es gäbe darin eine gewisse Gier; dass nur eine gierige Sensation die Menschen dazu verleiten könnte, Tische zu zerhacken und tapezierte Sessel zu zerschneiden, als seien diese Möbelstücke Lebewesen, denen die Gedärme herausgerissen und die Beine gebrochen werden. Nachdem sie mit den Sachen fertig waren, nahmen sie sich der Menschen an: wie winselnde Hundewelpen und Ratten zogen sie sie aus allen Ecken und Winkeln hervor, in denen sie sich zu verstecken versucht hatten. Sie rissen ihnen die Kleider vom Leibe und schlugen sie mit allem, was ihnen zur Hand war. Jeder Mensch aus dieser rasenden Menge schlug und tötete nach Gutdünken, und darin schien es mehr Kreativität zu geben, als Kopel jemals vermutet hätte. Das waren doch einfache Menschen! Woher so viel Eigenständigkeit beim Töten, fragte er sich. Einer entriss einer Mutter ihr Kind und schnitt ihr die Brust ab, an der sie es gestillt hatte. Andere hatten ein Mädchen nackt ausgezogen und trieben es mit Peitschen auf die Straße. In einem Viertel hatten sie eine ältere Jüdin aus ihren Geschäft gezogen, ihr Hände und Füße verbunden, sie an einen Wagen gebunden und dann die Pferde zuerst in Trab und danach in Galopp gesetzt. Kleine, barfüßige städtische Waisenkinder liefen so lange sie konnten dem Wagen hinterher und schlugen mit Ruten auf ihren Körper ein. Und es wurde erzählt – Kopel hatte das nicht gesehen, aber nach dem zu urteilen, wovon er aus erster Hand Zeugnis abgelegt hatte, konnte er annehmen, dass auch das, worüber später mit Grauen gesprochen wurde, stimmte – es wurde, also, erzählt dass eine Gruppe von Bürgern eine Frau an den Beinen am Balkon ihres Hauses aufgehängt hatte. Unten, im Hof, waren die toten Körper ihrer drei geschlachteten Kinder aufgestapelt, sodass sie sie hängend sehen konnte. Vor Gericht schrie Kopel:
„Ich habe diese fünfzigtausend Menschen gesehen, die Blanqui erwähnt; mit meinen eigenen Augen habe ich fünfzigtausend Menschen gesehen, die nur so töten können – nur auf einen einzigen Wink hin. Neunzig Prozent von ihnen hatten keinerlei Probleme mit den Juden als solchen, sie haben sie nicht gehasst und doch haben sie – nur auf einen Wink hin – einen höllischen Antisemitismus verspürt. Sie hätten sich auch irgendjemand anders vornehmen können – nicht notwendigerweise die Juden aus ihrer Nachbarschaft. Sie konnten sich gegen die Kapitalisten stellen, gegen jene 0,5 Prozent der Einflussreichsten und Wohlhabendsten, hätte es ihnen die Polizei nur erlaubt. Es geht darum, dass ihnen die Polizei ein Pogrom gegen einfache Menschen erlaubt hat. Dieselbe Polizei hatte sehr gut gewusst, was sie ihnen nicht erlauben durfte. Wie immer, hatte die Polizei den Befehl bekommen, wen sie vor dem Zorn der Menge in Schutz nehmen soll... Pfui, widerliches Gesindel!“ Kopel spuckte auf einen der beiden Polizisten, die ihn festhielten.
„Unterwürfige Hunde! Verfickt euch!“

***

Kopels Beichte, oder Zeugnis, wie auch immer man es auffassen mag, übersetzend, sah sich Natalia gezwungen, sich endlich mit einem Gegenstand auseinanderzusetzen, den sie tief in Dunkel absichtlichen Vergessens verdrängt hatte. Es war das Tischbein, mit dem die Schwarzhundertler ihre Mutter vergewaltigt hatten.
Eine gierige Sensation. Das ist es. So fängt es an. Dieser Mensch ist wieder mal im Recht. Das blutige Ritual beginnt mit einer gierigen Sensation im Demolieren – dem Zerhacken und Zerreißen von Möbelstücken – all jener Objekte, die zivilisiertes Leben in einer familiären Gemeinschaft gewährleisten, all jener Gegenstände, die die wütenden Gewalttätigen, als sie noch Kinder waren, nicht beschädigen durften, sei es beim Spielen oder aus Unachtsamkeit, weil ihre Mütter und Väter sie dafür bestraft hätten. Und jetzt liegt diese Mutter – jemand anders Mutter, die bei anderer Gelegenheit, dessen sind sie sich bewusst, auch ihre Mutter sein könnte – auf dem Bauch und hat blutige Schenkel und sie ritzen ihr mit dem Messer ihr Zeichen in den Rücken. Ihr Zeichen. Das Zeichen des Schwarzen Hunderts. Das könnte aber auch irgendein anderes Zeichen sein, nicht wahr? Irgendeins.
Aber seht euch doch diese Schlächter an! Dieser fürchterliche Mensch, der mit ihnen gewesen ist und der in bestimmten Fällen vielleicht dasselbe getan hat wie sie, wendet sich in diesem Zeugnis, das ich jetzt übersetze, an den Leser... ich könnte sogar sagen, er wendet sich direkt an mich und sagt, als wolle er sich vor mir rechtfertigen:
„Aber seht euch doch diese Schlächter an! Seht euch ihre Physionomie an! Da gibt es keine Spur von Grausamkeit – nur Leiden, unerhörtes Leiden zeichnet sich auf ihren Gesichtern ab! Die Angst vor dem Tod und der Schmerz ihrer Opfer bereiten für sie unbeschreibliche Qualen vor! Meinen sie nicht, dass diese Menschen in ihre Häuser zurückkehren und dort enorme seelische Qualen durchmachen werden? In ihrer Phantasie werden sie stets den letzten, flehenden Blick ihres Opfers sehen, vorwurfsvoll und übelnehmend, direkt auf sie gerichtet! Was für einen Hass, was für eine Verachtung werden sie der Bestie gegenüber empfinden, die in ihnen erwacht war? Sie werden das Bedürfnis verspüren, sich selbst ins Gesicht zu spucken, sich selbst zu schlagen, sich aufzuhängen! Vor jedem, den sie treffen, werden sie den Blick zu Boden senken, denn sie werden denken: Der weiß, dass ich Menschen getötet und sie auf grausamste Weise gefoltert habe und eigentlich hatte ich persönlich gar nichts gegen sie; der weiß, dass ich sie wegen eines triebhaften Bedürfnisses nach seelischer Qual getötet habe, denn ein Polmeiner Zweiheit hatte sich jeglicher Kontrolle entzogen.“
Natalia wurde das Gefühl nicht los, Kopel werde vom gleichen Problem geplagt, wie die Menschen, über die er schrieb. Auch er war ein Verbrecher. Ja sogar wenn er nur danebengestanden und selbst gar nichts unternommen hätte – er wäre ein Verbrecher.
Und woher nimmt er dann das Recht, sich als etwas Besseres zu empfinden, etwas Höheres als sie? Woher nimmt er sich das Recht, sie gleich zu Verachten – die Opfer und ihre Henker? Denn er meint, er sei anders; er verachtet die Opfer, die erniedrigt um Gnade flehen und mit jedem Akt der Erniedrigung bei ihren Henkern die gierige, mörderische Ekstase noch stärker entflammen. Er verachtet auch die Henker, die sich einem blinden, bestialischen Impuls hingeben und nachdem sie an dieser satanischen Orgie des Leidens teilgenommen haben, schon am nächsten Tag vor ihrem Gott auf die Knie fallen und ihn um Vergebung anflehen. Er nennt sie alle unbewusste, instinktive Masochisten und verachtet ihre Schwäche. Er verachtet die Schwäche der dummen, führungsbedürftigen Massen und er möchte, dass sie mit den Fingernägeln im Schmutz kratzen und um Gnade winseln. Meint er denn, er sei stärker als sie, nur weil es keinen Gott mehr gibt, vor dem er niederknien könnte? – all das fragte sich Natalia.
Sie fühlte sich als Vertreterin der Menschheit; in sich hörte sie Millionen menschliche Herzen schlagen. Die Menschen taten ihr leid. Sie fühlte sich in gleichem Maße Christin und Jüdin, Kapitalistin und Proletarierin, Mann und Frau, und als sie über dem Schicksal der Menschheit in Tränen Ausbrach, weinte sie eigentlich wegen sich selbst, den sie fühlte sich, als habe sie weder der liebe Gott, noch ihr Vater erschaffen, sondern dieser blutige Gegenstand, an den sie sich nicht einmal erinnern wollte – dieses Stuhlbein, mit dem ihre Mutter vergewaltigt wurde, dieses abgebrochene Glied der Zivilisation, die für immer verschwindet – das war ihr Schöpfer. Ein Stück stumpfen Holzes. Ein blutiges Götzenbild.

***

Kopel Moschkow wurde aus dem Gefängniskrankenhaus in die psychiatrische Klinik St. Nikolaus in Sankt Petersburg überführt, aus der er nach Genf floh, wo er die Zeitschrift Buntar herausgab, was so viel bedeutete wie Rebell. In Wien schloss er sich 1907 einer Gruppe russischer anarchistischer Kommunisten an. Am Ende desselben Jahres nahm er an der Organisation von militanten Gruppen in verschiedenen Städten im Süden Russlands teil, dann floh er kurzfristig abermals über die Grenze, kehrte zurück, wurde verhaftet und wegen Mangels an Beweisen freigelassen, um im Herbst 1908 nach Russland zurückzukehren, von wo er terroristische Anschläge plante und koordinierte. Die Polizei hatte Kopels geheimes Versteck in Wynnizja, einer Stadt an den Ufern des Südlichen Bug, im Gouvernement Podolien in der mittleren Ukraine entdeckt. Kopel hatte sich mit zwei Kammeraden – Lifschitz und Lissjanski – in einer Wohnung verbarrikadiert. Der Schusswechsel dauerte volle dreizehn Stunden. Als die Situation für Kopel ausweglos wurde, jagte er sich eine Kugel durch den Kopf. Vor seinem Selbstmord legte er einen Brand.
Natalia hatte nie erfahren, wer Kopel Moschkow gewesen ist, weil im Text, den sie übersetzte, nur seine Initialen standen und sogar diese waren aus dem Polizeibericht falsch abgeschrieben, aber nach Kopels Zeugnis war sie nicht mehr dieselbe. Sie schämte sich, denn sie hatte einem unbekannten Menschen gestattet, durch Übersetzung in ihre Intimsphäre einzudringen und so ihre Ruhe zu stören, dieses mühevoll erreichte Gleichgewicht zwischen Vergessen und Selbstvergessenheit, eingehüllt in das Samt tauber Stille, das sie in der alltäglichen Kommunikation vor der lautlichen Gewalttätigkeit der Wörter schützte. Kopel war stürmisch in sie eingedrungen und ihr Körper bebte in einer Reihe flacher, aber unaufhaltbarer Wellen der Erregung, wie sie sie niemals zuvor verspürt hatte. Zum ersten Mal war sie mit einem Mann zusammen. In Gedanken, aber bis zum Ende. Sie brauchte Rat. Vergeblich versuchte sie, Viktor Tausk zu erreichen – einen der zahlreichen Ärzte, die sie besucht und in die sie Vertrauen gewonnen hatte. Er befand sich zu dieser Zeit, nach seiner Ehekrise auch selbst seelisch zerrüttet und mit einem Lungenfleck, im Sanatorium Ahrweiler am Rhein. Natalia war aber hartnäckig – sie brachte seine einstweilige Adresse in der Heilanstalt in Erfahrung und schrieb ihm einen Brief. Viktor hatte nicht die Kraft, sich mit fremden Sorgen zu befassen, sodass er den Brief nur überflog und ihn nicht einmal beantwortete. Sein Gespür sagte ihm, dass es da interessantes Material für eine künftige Untersuchung geben könnte, er hatte aber die Gewohnheit entwickelt, jede, ja sogar die geringste Tagesaufgabe, die sich ihm stellte, auf später zu verschieben. Alles verschob er „auf Morgen“. Natalia hatte sich wie ein Gespenst bei ihm gemeldet, ein blasser Geist, der ihn mit Dingen heimsucht, die er nicht zu verstehen in der Lage ist. So schrieb er auch an seine Frau Martha, von der er sich zwar schon getrennt hatte, aber trotzdem in diesen Momenten der Trennung am ehrlichsten kommunizierte:
Ich kann Menschen nur schwer verdauen. Vielleicht mag ich sie überhaupt nicht.
Aus Natalias Brief war nicht klar ersichtlich, wovon sie eigentlich spricht, umso mehr, da Viktor das Buch noch nicht beschafft hatte, das sie erwähnte und dass sich mit dem sexuellen Leben in der modernen Epoche befasste. Es war ihm auch nicht völlig klar, was ihre Übersetzung der Beichte dieses Anarchisten damit zu tun hatte. Außerdem, es ekelte ihn vor jeder Art „pamphletistischen Idealismus“, der seiner Meinung nach entweder zum politischen Extremismus führte, oder zu einem schmachvollen Abkommen, meistens aber zu beidem. Parolen brüllen, Fahnen schwenken, auf dem Recht auf dies oder das bestehen. Unsinn! Die Menschen sind sich gar nicht bewusst, in welchem Maße sie manipuliert sind.
„Um Menschenrechte zu haben, musst du zuerst Mensch sein!“, sagte Viktor 1906, nur um seinen jüngeren Bruder Mirko zu ärgern, der nicht einmal volljährig war, als er an den Vorbereitungen für einen Generalstreik in Sarajevo teilnahm und zwar als einer der Organisatoren.
Mirko, der damals schon Anarchosyndikalist war, retten nur die guten Beziehungen ihres Vaters Hermann vor dem Gefängnis. Später ging Viktors Bruder dann nach Wien und studierte dort – was sonst? – Jus. Schnell hatte er begriffen, dass das nicht das richtige Studium für ihn war. Journalistik interessierte ihn mehr.
„Das ist kein Journalismus, das ist politische Agitation“, neckte Viktor Mirko, er tat dies aber mit den besten Absichten, aus dem zärtlichen Bedürfnis, ihn zu beschützen. Viktor hatte auch selbst einen exzessiven Charakter, neigte dazu, sich auf unbedachte seelische und körperliche Abenteuer einzulassen, und so wollte er eben nicht, dass sein jüngerer Bruder in seine Fußstapfen tritt. Noch schlimmer wäre es gewesen, wäre er Mitglied einer terroristischen Zelle geworden, aus der es keine Rückkehr mehr gibt, ist man einmal darin verwickelt. Allerdings konnte auch das passieren, wovor Viktor am meisten Angst hatte: Mirko war in Wien mit einer Gruppe russischer anarchistischer Kommunisten in Kontakt gekommen. Der Zufall wollte es, dass er einmal sogar Gelegenheit hatte, sich mit Kopel zu unterhalten, die beiden hatten aber nichts gemeinsam. Tief in seinem Inneren war Mirko eine lyrische Natur, in seinem Handeln jedoch war er Pragmatiker. Herz und Verstand setzte er für ein sehr klares Ziel ein: dem kleinen Mann zu helfen, für den Arbeiter zu kämpfen. Kopel war in der Seele ein Dämon und ein Zyniker im Handeln. Hätten sich zufällig, statt Mirko und Kopel, Viktor und Kopel getroffen, in einer anderen Zeit, denn für ein solches Treffen hätten beide nicht nur das durchmachen müssen, was sie durchgemacht haben, sondern es auch überleben, hätten sie feststellen müssen, dass zwischen ihnen mehr Ähnlichkeit besteht, als sie es sich hätten eingestehen wollen. Beide hatten sich selbst – jeder zu seiner Zeit, Kopel in den Jahren der ersten russischen Revolution und des russisch-japanischen Krieges, Viktor während des Ersten Weltkriegs – bis an den Rand des Abgrunds gebracht. Beide waren – allerdings, auf verschiedene Weise, aber dennoch – jenem Dämmerzustand verfallen, wenn die Synkope des Körpers jener des Geistes den Weg ebnet und wenn es keinen Ausweg mehr gibt, als in den Abgrund zu springen, in dem man bis zum Boden fallen, oder aber im luftleeren Raum schweben bleiben kann, als ein vom Menschen verschiedenes, stärkeres, aber nicht notwendigerweise besseres übermenschliches Wesen. Viktor hatte 1907, während der ersten für ihn wirklich schweren Periode, als er nicht sicher war, ob er Anwalt sei, oder Schriftsteller, oder Psychoanalytiker, in seinem Familiendrama unter dem Titel Halbdunkel durch eine seiner Figuren, der er als Person am ähnlichsten war, gesagt:
Es ist nur eine Frage des Augenblicks, wann die Vernunft alles , was man sehen kann , in ihr Halbdunkel hüllen wird, und dann bleibt uns nichts anderes übrig, als das , was der Mensch tut, wenn er einen Absatz findet und sagt , dass dazu ein Schuh gehört.
Die Jahre der Erfahrung brachten Reife, häuften Niederlagen und Enttäuschungen an, sodass Viktor nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Gefühl hatte, er müsse einen längst begonnenen Gedanken zu Ende bringen. Auf der Rückseite einer Theaterzeitschrift schrieb er mit nervöser Handschrift:
Es wird die Zeit der Apokalypse des Geistes sein, die Dämmerung des Pflichtgefühls und die Zeit der völligen Niederlage der Menschlichkeit im Namen des nackten Überlebens.

Aus dem Kroatischen von Boris Perić
 



Lora Tomaš

Lora Tomaš (b.1981, Zagreb) earned a master’s degree in Indology and English Language and Literature from the Faculty of Humanities and Social Sciences in Zagreb, and a master’s degree in Gender Studies from Central European University in Budapest.

She co-edited and co-translated into Croatian (from English, Hindi, and Urdu) two anthologies of contemporary Indian short prose and poetry - Afternoon Showers: A Selection from Contemporary Indian Women’s Writing (V.B.Z., 2011) and Lotuses of Neon: Indian Authors on Cities and Other Loves (Studio TiM & Udruga Lotos, 2017).

The early version of her manuscript Salt Dark (2020) was shortlisted for the V.B.Z. Literary Prize for the Best Unpublished Novel in 2019. The novel was later longlisted for the T-Portal Prize for Croatian Novel of the Year and awarded the Slavić Prize for Best Debut Book.Her second novel, The Paper of Your Skin (2024), won the prestigious Fric Award.She has spent several years in South Asia, contributing literary criticism and reportage to regional publications.


Photo: (c) Martina Bosak

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sibila Petlevski-linkovi

http://www.fraktura.hr/foreign-rights/authors?author=4305

http://www.sibilapetlevski.com

http://www.poetryinternationalweb.net/pi/site/poet/item/1760/17/Sibila-Petlevski

http://www.lyrikline.org/en/poems/spavaci-teskog-sna-5044#

http://www.blesok.com.mk/avtor.asp?lang=eng&id=154#.VLvq1Fq3nGs

http://www.azulpress.com/shop/product_info.php?products_id=57

http://archiv2.berlinerfestspiele.de/en/archiv/festivals2005/03_theatertreffen05/tt_05_programm/tt_05_st_ckemarkt/tt_05_ProgrammlisteDetailSeite_1_2397.php

http://www.textonly.ru/mood/?issue=27&article=27971

http://ferocemarquise.org/auteurs_arts.php?id=339

http://www.blesok.com.mk/tekst.asp?lang=eng&tekst=1297#.VL1jvlq3nGs

http://www.blesok.com.mk/tekst.asp?lang=eng&tekst=1275

http://www.blesok.com.mk/tekst.asp?lang=eng&tekst=915#.VL1mslq3nGs

http://www.blesok.com.mk/tekst.asp?lang=eng&tekst=1297#.VL1m01q3nGs
 


Senko Karuza

Senko Karuza (Split, 1957) spent his childhood and early school years on the island of Vis, which remained an essential thematic focus of his prose. He studied Philosophy at the Faculty of Humanities and Social Science in Zagreb. From that time, his writing has been published in magazines such as Polet, Mogućnosti, Dnevnik (Ljubljana), Kolaps (Mostar), Slobodna Dalmacija and others.

His first short story collection, Busbuskalai, was published in 1996. This was followed by the books Is There Life Before Death, Island Guide, It’s Hard for Me to Say, Camera Obscura, Chest-to-Chest, Photographs of the End. Along with Miroslav Mićanović and Branko Čegec, he published the book Three Crocodiles.

His Island Guide has been translated into Polish, Czech and Hungarian, while a German and Italian edition are currently being arranged. He is the founder of the Multimedia Mobile Centre for the exploration of alternative ways of survival on small remote islands, which initiated the Mare Mare Literature Festival on the island of Vis in 2007.


Lora Tomaš-works/transl

MAIN WORKS

Salt Dark (Slani mrak, Hena com, 2021), a novel
The Paper of Your Skin (Papir tvoje kože, Hena com, 2024), a novel
 


TRANSLATIONS

* none so far

 

 



Senko Karuza-works/transl

MAIN WORKS

Busbuskalai (Busbuskalai, Naklada MD, 1997), short stories
Is There Life Before Death (Ima li života prije smrti, Naklada MD, 2005), short stories
Three Crocodiles (Tri krokodila, Meandarmedia, 2005), short stories
Island Guide (Vodič po otoku, Naklada MD, 2005), short proseIt’s
Hard for Me to Say (Teško mi je reći, Profil, 2007), short stories
Camera Obscura (Kamara obscura, Profil, 2010), short stories
Chest-to-Chest (Prsa u prsa, Meandarmedia, 2016), prose collection
Photographs of the End (Fotografije kraja, Meandarmedia, 2018), short stories
Disappearing (Nestajanje, Meandarmedia, 2020), poetry
The Taking (Otimanje, MeandarMedia, 2022) poems
The Theft (Krađa, MeandarMedia, 2023) poems
One Day on Earth (Dan na Zemlji, MeandarMedia, 2024), short stories

 

TRANSLATIONS

Island Guide: Czech Republic (Big Ben), Hungary (Libri), Poland (Czytelnik)

 

 

 

 

 

 

 


Main works/Translations
Sample translation
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